Spiekerooger Thesen 2009

Dr. Achim Brunnengräber: „Die Mechanismen des Kyoto-Protokolls wie, so ist zu vermuten, eines Post-Kyoto-Abkommens werden nicht zulassen, die von Menschen verursachten, klimaschädlichen Treibhausgase stärker zu senken, als es der Rhythmus des Wirtschaftswachstums erlaubt. Der Klimawandel wird ökonomieverträglich: Nicht die Krise des neo-liberalen Wirtschaftssystems drückt sich im Klimawandel aus, sondern im Gegenteil: das Vertrauen in den Markt. Die instrumentelle Einhegung führt dazu, dass nur ein enger Pfad der Problembearbeitung beschritten wird. Gesellschaftlich-kulturelle oder polit-ökonomische Diskurse über eine – womöglich auch schmerzhafte – grundsätzliche Systemtransformation mit dem Ziel, das fossile Zeitalter zu überwinden, werden durch die internationale Politik eher verhindert als angeregt.“
Dr. Ingolfur Blühdorn: „Das Paradigma der Nachhaltigkeit, der ökologischen Modernisierung und der so genannten ökologischen Industriepolitik stößt an seine politischen und kulturellen Grenzen. Eine Sozialwissenschaft, die es versäumt, diese Grenzen ins Zentrum ihres Interesses zu rücken und das derzeit nicht Politikfähige in ihrem Jenseits zu thematisieren, macht sich der Komplizenschaft mit der dominanten Politik der Nicht-Nachhaltigkeit schuldig.“
Prof. Dr. Andreas Ernst: „Wandelt sich das Klima und der Mensch nicht? Klimaschutz und Klimaanpassung treffen auf von psychologischer Warte aus gesehen gleichartige Probleme. Situative Fallen (soziale Falle, Zeitfalle, räumliche Falle) locken uns in die gerade falsche Richtung, kognitive Schwierigkeiten (Komplexität der Zusammenhänge, Wahrnehmung von schleichenden Risiken) erschweren Einsicht und Wissenserwerb, motivationale Schwierigkeiten (hier neben anderen auch weniger hehre menschliche Motive wie Bequemlichkeit, Zeitpräferenz, Psychohygiene) tun ihr Übriges.
Zum Teil lawinenartig verlaufende gesellschaftliche Umwälzungen erzählen aber von den Chancen sozialer Veränderung: Sie nutzen die sanften Anforderungen der Situation, die Macht von sozialer Innovation und sind von neuen Ideen und Leitbildern inspiriert, und schließlich erzwingen oder kaufen sie Verhalten, wo nötig. Letztlich geht es um das Anstoßen von gut abgestimmten Entwicklungen!“
PD Dr. Klaus Fichter: „Klimaanpassung kann nur als integraler Bestandteil von Klimaschutzstrategien erfolgreich sein: Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass Unternehmen den Klimawandel zwar auch als Risiko wahrnehmen (insbesondere als regulatorisches Risiko), dass hier allerdings zunehmend die Perspektive dominiert, dass Klimawandel neue Geschäfts- und Innovationschancen eröffnet. Dies ist mit Blick auf den Klimaschutz (mitigation) erfreulich, da geschäftliches Eigeninteresse ökonomischer Akteure im Kontext von Internalisierungsmaßnahmen (Emissionsrechtehandel etc.) einen wichtigen „Motor“ für die Reduzierung von Treibhausgasemissionen darstellt. Mit Blick auf geschäftliche Interessen an Maßnahmen der Klimaanpassung (adaptation) ist die Chancenperspektive jedoch ambivalent, da bereits heute absehbar ist, dass Branchen wie die Bauindustrie oder die Versicherungswirtschaft von Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel umfangreich profitieren können (Baumaßnahmen zur Deicherhöhung, neue Versicherungsmodelle etc.). Dies darf nicht zu der absurden Situation führen, dass ökonomische Anreize entstehen, die einen ungebremsten oder gar forcierten Klimawandel – aus kurzfristigen Profitabilitätsüberlegungen heraus – als wünschenswert erscheinen lassen.“
Prof. Dr. Martina Heßler: „Von einer Kultur des Verbrauchens und Wegwerfens, von einer der Industriegesellschaft inhärenten „eigentümlichen Sterblichkeit der Serienprodukte“, die mit einer „Tugend der Schonungslosigkeit“ (G. Anders) einhergeht, müssen wir im Umgang mit Dingen zu einer Kultur der „Verlegenheit des Reichtums“ (S. Schama) kommen.
Kultur- und mentalitätsgeschichtlich betrachtet ist die Kultur der Verschwendung in den Industrienationen als dominante Werthaltung eine relativ junge Erscheinung (seit den 1950er bzw. vor allem seit den 1970er Jahren). Auch wenn Mentalitäten in der Geschichtswissenschaft in der Regel als ein Phänomen der longue durée gelten, bietet sich – gerade heute – die Chance des erneuten Wandels dieser kulturellen Orientierungen. Nicht zuletzt zeigt die Geschichtsschreibung, dass nichts linear, zwangsläufig und determiniert verläuft, sondern im steten Wandel und veränderbar ist.“
Prof. Dr. Ludger Heidbrink: „Der Klimawandel ist in erster Linie kein technologisches oder ökonomisches, sondern ein kulturelles Problem. Unsere gesamten Konsum- und Verbrauchsgewohnheiten, die mit über siebzig Prozent zum Ausstoß von Treibhausgasen beitragen, beruhen auf kulturell geprägten Verhaltensmustern. Da der Punkt des politischen Umsteuerns schon längst überschritten ist, brauchen wir effektive Programme der sozialen und kulturellen Anpassung. Dritte industrielle Revolution, mehr Bürgerbeteiligung, mehr Global Governance – alles schön und gut. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, neue Lebensstile zu entwickeln, mit denen wir für die Zukunft gewappnet sind.“
Dr. Annette Hohenberger: „Veränderungen im Denken, Erleben und Verhalten von Individuen und Gruppen, die zu einer nachhaltigen Lösung des Problems „Klimawandel“ beitragen, müssen aus Sicht der Kognitionswissenschaften folgende Aspekte berücksichtigen:
(i) Die Natur des menschlichen Geistes (seine Stärken und Schwächen) sowie seine Schnittstellen (Perzeption, Emotion, Motivation, Handeln)
(ii) Die Dynamik von Veränderungsprozessen (nicht-linear, kritische Masse, Emergenz)
(iii) Zeit- und Größenskalen von Veränderungen (kleine, mittlere, große Skalen)
(iv) Kulturelle und evolutionäre Implikationen (inter-kulturelle Kooperation, Anpassung)
Die Kognitionswissenschaften, in deren Forschungsbereich „Problemlösen“ fällt, sind aufgefordert, zu diesen Aspekten des Klimawandels in Forschung, Lehre und Praxis beizutragen.“
Prof. Dr. Claudia Kemfert: „Klimaschutz ist DER Wirtschaftsmotor für unser Land und sichert unseren Wohlstand. Es muss heißen: jetzt erst recht und nicht „wegen der Wirtschaftskrise: erst einmal nicht“. Klimaschutz ist die Lösung aus der Krise. Wir müssen drei Krisen mit einer Klappe schlagen: Wirtschaftskrise, Klimakrise und Energiekrise: durch gezielte Investitionen in die richtigen Bereiche, Energieeffizienz, Infrastruktur, Gebäudedämmung, Erforschung innovativer, CO2-freier, sicherer und bezahlbarer Energien können wir gestärkt aus der Krise hervorgehen!“
Prof. Dr. Dr. Kristian Köchy: „Fragen zum Klimaschutz betreffen wegen komplexer Verursachungsnetzwerke mit globaler und generationenübergreifender Reichweite einen besonderen Bereich menschlichen Umwelthandelns. Es ist unstrittig, dass die Größenordnung des anthropogen verursachten Klimawandels eine Folge der technischen Zivilisation ist. Unstrittig ist allerdings auch, dass für die adäquate Ermittlung von Umfang und Folgen dieser Mensch-Umwelt-Interaktion sowie für eine sachgemäße Unterscheidung von gebotenen und verbotenen Umwelthandlungen umweltwissenschaftliche Expertise und der Einsatz modernster technischer Mittel gefordert ist. Die Frage ist allerdings, wie eine Verbindung zwischen umweltwissenschaftlicher Expertise und umweltethischem Orientierungswissen herzustellen ist. Meine These ist, dass dieser wichtige umweltethische Brückenschlag nur durch ein integratives und kontextuelles Konzept zu meistern ist. Dazu gehört auch, dass Umweltethik sich nicht allein an ökonomischen Analysen orientieren kann. Ökonomische Modelle sind einerseits nie unabhängig von metatheoretischen Vorannahmen (etwa bei Diskontierungsmodellen Annahmen über Fortschritt oder Nutzen) und sie unterscheiden sich andererseits in Zugang und Standpunkt zum Teil erheblich von ökologischen Modellen. Zweitens sollten umweltethische Analysen zum Klimaschutz nicht allein unter den Aspekten einer inter- oder intragenerationellen Gerechtigkeit erörtert werden. Die Frage nach dem ethisch richtigen Handeln gegenüber der Umwelt überschreitet die menschliche Sphäre und erfordert deshalb auch eine philosophische Berücksichtigung der Natur und der relevanten Mensch-Natur-Verhältnisse.“
Prof. Dr. Udo Kuckartz: „Alltagswelt und Medienwelt oder warum das Wissen nicht zum Handeln drängt: Niklas Luhmanns Diktum, dass all unser Wissen über die Welt, in der wir leben, aus den Medien stamme, legt eine Fokussierung der Medien und des mit „wir“ Gemeinten nahe. Die Welt der Medien ist eine vom Alltagsleben getrennte Welt. Zwar können Medien uns in den Bann ziehen, Emotionen, Angst und auch Kaufakte auslösen, aber Medienwelt und Alltagswelt sind deutlich getrennt. Medien umhüllen unseren Alltag wie eine Haut. Eine lineare Umsetzung von Impulsen der einen Seite („Medienwissen“) in individuelles Verhalten („klimagerechtes Verhalten“) ist nicht zu erwarten, ja sogar eher unwahrscheinlich. Wenn Einzelne von „Wir“ reden, so schließt dieses „Wir“ in der Regel das „Ich“ als handelnde Person nicht ein. Empirische Studien zeigen bspw., dass die Mehrheit der Europäer der Meinung ist, „Wir“ müssten Energie sparen, weniger Auto fahren etc.; dieses Wissen um das „richtige“ Verhalten affiziert aber nicht das eigene Handeln generell, sondern bestenfalls einzelne Kaufakte.“
Prof. Dr. Marco Lehmann-Waffenschmidt: „Der globale Klimawandel und die möglichen Gegenstrategien haben Eigenschaften, die sie für den evolutorischen Analyseansatz geeignet machen: Sie sind langfristige Prozesse, sind keine Optimierungsprozesse – weder im Sinne einer gezielten Annäherung an einen optimalen Endzustand noch im Sinne einer ständig optimierten Prozesssteuerung, sind (zumindest graduell) verlaufs- und ergebnisoffen, die funktionalen Zusammenhänge sind in der Regel nicht-linear und können autokatalytische Selbstverstärkungscharakteristika aufweisen, und es gibt die Möglichkeit, sie durch historische Vergleiche als rekurrente Verlaufsmuster besser zu verstehen und damit gestalten zu können.“
Peter Leusch: „Die Hürden eines ökologisch-kulturellen Wandels sind hoch: Zwar sind die Zeichen eines Klimawandels inzwischen im öffentlichen Bewusstsein angekommen. Dennoch gilt weiterhin, was Hans Jonas bei seiner „Inventur der Ethik“ festgestellt hat: Verantwortungsbewusstes Handeln der Menschen richtet sich auf das Nächste, das persönliche Lebensumfeld und die nähere Zukunft, wo die Folgen des eigenen Handelns erfahrbar sind. Künftige oder ferne Auswirkungen werden – nach kurzem medial vermitteltem Schockerlebnis – in der Prioritätenliste nach unten durchgereicht. Das gilt nicht nur für Individuen, sondern auch für Kollektive, z.B. für die kurzatmige Politik. (Nachdem Angela Merkel sich bei Amtsantritt als Klimakanzlerin gerierte, ruderte sie immer weiter zurück, bis das Thema nicht einmal mehr für den jüngsten Wahlkampf taugte.) Die Strukturen im Projekt der Moderne sind langfristig ausgerichtet, aber auf die falschen Werte: Wachstum statt Balance, schnelle Verwertung statt Nachhaltigkeit usw. Jede Forderung nach einem ökologisch-kulturellen Wandel, die sich mit diesen Bedingungen nicht auseinandersetzt, verpufft als bloßer Appell und wohlfeile Sonntagsrede.“
Andreas Lieberum: „Handeln, und hier vor allem das Handeln unter Unsicherheit, wie bei den vorhandenen Klimaszenarien, ist umso schwerer, je weiter weg die Wirkung von der individuell wahrnehmbaren Wirklichkeit liegt. Der Schwierigkeitsgrad des Handels steigt dabei von einfach bis schwer, abhängig von der Zeitachse und der jeweiligen Wirkungsebene.
1. Jetzt für Jetzt für Mich Entscheidungen
2. Jetzt für Dann für Mich Entscheidungen
3. Jetzt für Jetzt für Andere Entscheidungen
4. Jetzt für Dann für Andere Entscheidungen
Es sind deshalb Konzepte gefragt, die trotz des Nicht-Wissens der Zukunft eine gewisse Sicherheit und Normalität des Handelns mit definierter Wirkung ermöglichen, von der der Akteur möglichst heute noch profitiert. Um das zu erreichen, muss Klimakommunikation emotionalisiert werden.“
Dr. Reinhard Loske: „Ohne Kulturwandel kein Klimaschutz – bei aller Freude an neuen Technologien!“
Dr. Franz Mauelshagen: „Zur Rolle der Sozial-/ Kultur-/ Geisteswissenschaften (kurz: SKG-Wissenschaften) im wissenschaftlichen Klimadiskurs der Gegenwart: (Natur-)Wissenschaftlicher Determinismus treibt seit geraumer Zeit Blüten, sei es in der Debatte über die (Un-)Freiheit des Menschen (s. z.B. die neurophysiologisch untermauerten Thesen von Wolf Singer) oder sei es bei der Einschätzung der Folgen des Klimawandels auf Umwelt und Gesellschaft. Der Klimadeterminismus hat eine lange Tradition im europäischen Denken. Nico Stehr und Hans von Storch haben mit Recht darauf hingewiesen, dass er nicht einfach der Vergangenheit angehört. Er ist immer wieder neu belebt worden und hat zurzeit wieder Konjunktur. Lineares kausales Denken, das die Komplexität der sozialen Dimension unterschätzt oder gar völlig ausblendet, fordert die SKG-Wissenschaften heraus. Bisher hüllen sie sich indes vorwiegend in Schweigen. Es besteht heute dringender Bedarf an verfeinerten Methoden und Modellen im Bereich der Klimaforschung, die das Potential der SKG-Wissen-schaften nutzen.“
Prof. Dr. Ingo Mose: „Der Klimawandel wird voraussehbar mit tief greifenden Veränderungen der Landnutzung und Raumentwicklung einhergehen; teilräumlich können diese „dramatische Formen“ annehmen (z.B. im Hochgebirge und an der Küste). Aus diesen Veränderungen erwachsen auch besondere Anforderungen an die Steuerungsfunktion der Raumordnung. Anpassung und Prävention bilden dabei zentrale Eckpunkte der raumordnerischen Perspektive. Für deren Ausgestaltung werden vor allem solche Steuerungsinstrumente gefragt sein, die es erlauben, relevante Akteure aus Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gleichermaßen verantwortlich in die Entwicklung und Gestaltung nachhaltiger Entwicklungsperspektiven für die Raumnutzung im Zeichen des Klimawandels einzubeziehen.“
Prof. Dr. Martin Müller: „Die Folgen des Klimawandels werden noch immer unterschätzt, da die indirekten Wirkungen über die Wertschöpfungsketten (Scope 3) noch nicht erfasst (bekannt) sind! Dadurch ist der Handlungsdruck für wirtschaftliche Akteure noch zu gering.“
PD Dr. Niko Paech: „Ohne Institutionalisierung individueller CO2-Bilanzen als Maßstab für Klimaschutz ist jedes weitere Reden darüber zwecklos:
(1) Die Decarbonisierung einer wachsenden Wirtschaft entpuppt sich als technologischer Budenzauber. Also bleibt als Alternative nur eine Postwachstumsökonomie. Deren zentraler Ansatzpunkt ist die Veränderung von Konsum- und Mobilitätsstilen.
(2) Die sich in aktuellen Lebenspraktiken bizarr widerspiegelnde Unverbindlichkeit, mit der von ein und derselben Person hehres und kompetentes Problembewusstsein artikuliert, aber gleichzeitig eine individuelle CO2-Bilanz weit jenseits von 10… 20… 30… Tonnen „gelebt“ wird, lässt Nachhaltigkeitskommunikation nicht nur scheitern, sondern zum Problem werden: Sie reproduziert und kultiviert die Kluft zwischen Reden und Handeln.“
Prof. Dr. Reinhard Pfriem: „Gesellschaftlicher Umgang mit dem Klimawandel hängt daran, inwiefern die tragenden Akteure moderner Wirtschaftsgesellschaften, Unternehmen und Konsumenten, ihre sozialen Praktiken kulturell dahingehend verändern, dass dem Trend zu einer Gesellschaft als Ansammlung von Events, von denen einer blöder ist als der andere, erfolgreich widersprochen wird. Das lässt sich als kulturelle Transformation bzw. Selbsttransformation ökonomischer Akteure bezeichnen.“
Prof. Dr. Fritz Reusswig: „Der neuere gesellschaftliche Klimadiskurs ist durch den Übergang von einer systemanalytischen Zurechnungsfrage zu einer kostensensiblen Handlungsfrage gekennzeichnet. In diesem Diskurs nehmen Naturwissenschaften, Ingenieurskunst, Wirtschaftswissenschaften sowie Politik zentrale Sprecherrollen ein. Gleichzeitig wird deutlich, dass nur eine substantielle Reduktion der Treibhausgasemissionen noch die Chance birgt, das gebotene 2ºC-Ziel zu erreichen. Dies erfordert einen radikalen Umbau der Industriegesellschaft, der Infrastrukturen, Technologien, Verhaltensformen und Mentalitäten zugleich umfasst – einen Kulturwandel mithin. Genau dieser aber kann durch die im aktuellen Klimadiskurs dominanten Sprecherrollen und ihre Thematisierungsformen allein – so notwendig sie für sich jeweils sein mögen – nicht erreicht werden. Nur der aktive Dialog zwischen Kunst/ Kultur, Wissenschaft und Gesellschaft kann ausloten, was hier „Kulturwandel“ genau heißt. Allemal bedarf es einer erneuten Transformation des Klimadiskurses.“
Prof. Dr. Hartmut Rosa: „An der Wurzel des Klimaproblems liegt die Beschleunigung. Erwärmung bedeutet buchstäblich Beschleunigung: Es handelt sich um eine Beschleunigung der atmosphärischen Moleküle, die wiederum aus der technischen, energieverbrauchenden Beschleunigung sozialer Prozesse (Transport, Kommunikation, Produktion) resultiert. Deshalb wird es auch keine Lösung des Klimaproblems ohne eine Lösung des Beschleunigungsproblems geben: So lange wir in einer Gesellschaft leben, die sich nur durch Geschwindigkeitssteigerungen stabilisieren und reproduzieren kann, müssen wir mit Erwärmung leben.“
Prof. Dr. Wolfgang Sachs: „Die Klimakrise wird nicht als Naturtatsache, sondern erst als Sozialtatsache in der Gesellschaft wirksam. In der Definition des Problems und seiner Lösungen finden nationale und internationale Machtbeziehungen ihren Ausdruck, die etablierten Sprechweisen und Institutionen der Klimapolitik sind Kompromisse zwischen „Utopisten“ und „Verhinderern“. Es steht Sozialwissenschaftlern gut an, ihren kritischen Blick darauf zu halten.“
Prof. Dr. Gregor Schiemann: „Klimawandel als Motor einer Verzahnung von Wissenschaft und Gesellschaft: Der Klimawandel bedroht die zukünftigen Lebensbedingungen auf der Erde. Er ist bislang nicht lebensweltlich wahrnehmbar, sondern nur aus Daten erschließbar, die mit technischen Mitteln erhoben werden. Den Daten kommt eine in der Geschichte der Wissenschaft wohl beispiellose Komplexität zu. Dadurch wird der hypothetische Gehalt, der allen wissenschaftlichen Aussagen eigen ist, erhöht. Die aus dem Klimawandel ableitbaren Gefahren setzen Wissenschaft und Gesellschaft aber zugleich unter Handlungsdruck. Ohne bereits hinreichende Sicherheit über das Phänomen zu haben, muss die Klimaforschung im Auftrag der Gesellschaft Handlungsanweisungen entwickeln, wenn auf den Klimawandel Einfluss genommen werden soll. Die historisch neue Weise, in der wissenschaftliche und gesellschaftliche Praxis zusammenrücken, wirkt auf die wissenschaftliche Theoriebildung und den Wissenschaftsbegriff der Klimaforschung zurück.
Dr. Michael Schirmer: „Die Probleme, die die Gesellschaften im Umgang mit dem Klimawandel haben, sind nicht überraschend. Egozentrik hat bislang noch immer das Handeln der meisten gesellschaftlichen Gruppen und der Nationalstaaten bestimmt. „Die Naturwissenschaften“ liefern Erkenntnisse, Fakten und Zusammenhänge, z.T. auch „nur“ erschreckende Vermutungen, haben sich aber bis heute nicht als (Mit-)Verantwortliche oder als politisch/ gesellschaftliche Akteure verstanden. Sehr, zu langsam, stellen sich diese Naturwissenschaftler der gesellschaftlichen Diskussion, kommen aber oft nicht mit den völlig andersartigen „Regeln“ politischen Handelns zurecht. Der WBGU lässt auf Änderung hoffen.“
Prof. Dr. Uwe Schneidewind: „Die Klimafrage ist auch eine Herausforderung an und ein Katalysator für die Weiterentwicklung des Wissenschaftssystems. Für moderne Gesellschaften ist der Umgang mit dem Klimawandel eine gewaltige Transformationsaufgabe. Die wissenschaftliche Begleitung dieser Aufgabe erfordert transdisziplinäre Forschung und Lehre mit neuen Organisationsformen, Qualitätskriterien und Qualifizierungspfaden. Den zu erwartenden weiteren Ausbau der Klimaforschung gilt es zum Vorantreiben dieser Organisationsentwicklung des Wissenschaftssystems zu nutzen.“
Prof. Dr. Reinhard Schulz: „Wissenschaft, Politik, Nichtregierungsorganisationen und Wirtschaft wollen neue Abkommen, um die Folgen des Klimawandels zu lindern. Doch wie steht es um die Glaubwürdigkeit der jeweiligen Konzepte? Die durch die Wissenschaft verursachte zunehmende Technisierung der Welt verdrängt die schwierige und konfliktträchtige Koordination menschlichen Handelns, die für den Umgang mit Risiken unverzichtbar erscheint. Über dasjenige, was technisch funktioniert, braucht scheinbar kein Einverständnis mehr erzielt zu werden. In dieser Perspektive verselbständigen sich die technischen Mittel gegenüber den übergeordneten menschlichen Zwecken und haben Perspektivendivergenzen zwischen Wissenschaft, Politik und Wirtschaft zur Folge, die die Gesellschaft insgesamt spalten. Die Klima- wird zur Bewusstseinskrise und die mit Wirtschaft und Politik verquickte Unternehmeruniversität unserer Tage fällt als kritisches Korrektiv aus: „Der Gesellschaft das Bewusstsein ihrer selbst zu geben: diese vornehmste Aufgabe einer Universität, […], ist heute dem allgemeinen Symbolsterben, der institutionellen Geistlosigkeit zum Opfer gefallen“ (Klaus Heinrich).“
Dr. Dominik Siegrist: „Klimaschutz muss nachhaltig sein: Was tun wir heute, um den Klimawandel zu bremsen und dessen Auswirkungen abzufedern? In den Alpen verpacken wir z.B. Gletscher, handeln mit CO2-Zertifikaten und steigern die Wasserkraftnutzung. Dabei wissen wir kaum, welche Auswirkungen dies auf Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt hat. Nur weil Maßnahmen unter dem Obertitel „Klimaschutz“ stehen, müssen diese nicht zwangsläufig nachhaltig sein. Wir sollten daher in der Klimaschutzdiskussion einen besonderen Fokus darauf legen, dass Vermeidungs- und Anpassungsmaßnahmen in Einklang mit der nachhaltigen Entwicklung stehen.“
Dr. Elisabeth von Thadden: „Über die Klimaveränderungen lässt sich in Europa dann sinnvoll reden, wenn sich demokratische Gesellschaften dadurch nicht nur herausgefordert, sondern auch erleichtert fühlen. Es sollte ein befreiendes Gefühl von „Endlich!“ möglich werden, wie es im Märchen mit dem kindlichen Ruf einhergeht: „Der Kaiser hat ja gar nichts an“. Das heißt: Klimapolitik sollte nicht nur, traditionell europäisch im Namen der Gerechtigkeit und der Weltbürgerlichkeit, den Wettstreit um eine exzellente CO2-lose Modernisierung bedeuten, sie sollte zugleich auch die Entlastung von Illusionen mit sich bringen. Die Illusionen, die an ihr Ende gekommen sind, sind die der Überentwicklung der Gesellschaften westlichen Typs, individuell gesprochen die der Erschöpfungsdepression. Wenn es heute gilt, die Routinen zu ändern, dann deshalb, weil dies Erleichterung bedeuten kann.“
Prof. Dr. Harald Welzer: „Es gibt keinen Weg vom Wissen zum Handeln, wohl aber Wege vom Handeln zum Wissen.“
Dr. Andreas Weber: „Wir müssen uns die Wirklichkeit eingestehen. In der Realität sind auch die Minimalziele des Klimaschutzes nicht mehr zu schaffen (cf. New Scientist, 17.10.2009) bzw. schon verpasst. Wir müssen darum alle ökologischen, politischen, wirtschaftlichen Lösungsansätze an einer galoppierend heißer werdenden Erde orientieren. Wir müssen uns an die Spitze einer unaufhaltbaren Entwicklung setzen und nicht versuchen, das Unbremsbare zu bremsen. Das hat in meinen Augen vor allem zwei Konsequenzen:
- Die Bewahrung biologischer Handlungsfreiheit steht an erster Stelle, erst an zweiter der Stopp der Erderwärmung.
- Wir müssen eine politische Metaphysik entwickeln, die uns in den Stand versetzt, die Wirklichkeit wahrzunehmen.“