BERGISCHE THESEN 2017

Hubertus Ahlers
Der Emscher Landschaftspark – ein produktiver Park?
Nach dem Ende der IBA Emscher Park 1999 kam es zum von Prof. Dr. Karl Ganser oft prognostizierten Back-Roll: Die provinzielle, bornierte, bildungsferne und mit kleinkariertem Karrierismus , Filzwirtschaft und Partikularinteressen vollbeschäftigte Politik und Verwaltung erweist sich in keiner Weise als fähig, regionale, nachhaltige und zukunftsfähige Strategien der Stadtentwicklung auch nur zu formulieren, geschweige denn umzusetzen. Der ELP wird nicht weiter entwickelt, sondern konventionell überbaut. Auch im Rahmen der Grünen Hauptstadt Europas 2017 bleibt es erwartungsgemäß im wesentlichen bei folgenlosen Events und Marketing-Gags.
Um im Ruhrgebiet eine wirklich nachhaltige Perspektive zu eröffnen, bedarf es einer zivilgesellschaftlichen „Allianz der Macher“, kompetent und fähig, Modellprojekte zu realisieren, die als Kristallisationskerne für sinnvolle Entwicklungen wirken können. Die konsequente Umgehung kommunaler Strukturen ist hier nach wie vor entscheidend, wenn nennenswerte Resultate erwünscht sind.

Prof. Dr. Lutz Becker
Es findet eine historische Entkopplung von Stadt und Markt statt. In der Zivilisationsgeschichte waren Stadt und Markt eng miteinander verbunden. Die Stadt erfüllte eine Vielzahl von Funktionen für den Markt und der Markt wiederum für die (Entwicklung der) Stadt. Als herausragende Beispiele seien Nürnberg oder Frankfurt genannt, aber ebenso eine unüberschaubare Zahl von Klein- und Mittelstädten. Neben der Kirche als spirituellem Zentrum spielte der Markt die Rolle des ökonomischen Zentrums, aber auch eine Rolle in der Vernetzung. Neben der Allokations- und Preisbildungsfunktion war der Markt eine Plattform für den Informationsaustausch, hatte eine soziale
(Gemeinschafts-)Funktion sowie zum Beispiel eine ethisch als auch eine ökonomisch veranlasste Selektionsfunktion. Auf den Märkten entwickelten sich Weltanschauungen und soziale Innovationen. Im Rahmen der Digitalisierung werden zunehmend Funktionen des Marktes virtualisiert und durch digitale Plattformen substituiert. Wenn in unseren Lebenswelten die sozialen Interaktion immer digitaler, immer virtueller und algorithmisierter und Menschen dadurch tendenziell weiter vereinzelt werden, wäre es dann nicht sinnvoll, eine Utopie der Stadt als Markt der sozialen Interaktionen zu entwickeln?

Prof. Dr. Maria Behrens
Um von quartiersbezogenen transformativen Aktivitäten zu einer gesamtstädtischen Neuausrichtung zu gelangen, reichen selektive kommunale Partizipationsformen nicht aus. Vielmehr ist ein politischer Willensbildungsprozess notwendig, um einen hinreichenden stadtgesellschaftlichen Konsens für eine sozial-ökologische Transformation zu erzielen, der als Input in formal-demokratische Entscheidungsprozesse einfließt. Nur auf diese Weise kann gesichert werden, dass sich nicht nur die Partikularinteressen sozial-ökonomisch bessergestellter und überdurchschnittlich artikulationsfähiger BürgerInnen durchsetzen und die Stadtgesellschaft weiter spalten, sondern ein konsensualer Richtungswechsel in der Bewertung, was unter einem städtischen Gemeinwohl verstanden wird, stattfindet. Dies bedeutet für transformative Initiativen auf Quartiersebene, sich nicht politisch zurückzuziehen, sondern ihr Engagement stadtöffentlich zu artikulieren und zu politisieren.

Dr. Martin Birke
Soll die urbane Transformation nicht programmatisch bleiben, braucht sie in Ergänzung zum normativen einen real-analytischen Kompass: Wieder zu entdecken und zu re-definieren sind die institutionellen Basisstrategien der Nachhaltigkeit (Innovation, Partizipation, Interessenmoderation und Reflexivität) - auch mit Blick auf Teilerfolge der Energiewende einerseits, das Scheitern von Verkehrs- und Agrarwende andererseits.
Die im Nachhaltigkeitsdiskurs in Vergessenheit geratene reflexive Wende (vom Was zum Wie) fokussiert den Such- und Lernprozess der urbanen Transformation auf nötige wie mögliche Akteurskonstellationen, intendierte wie nicht beabsichtigte Nebenfolgen, unvermeidliche Zielkonflikte und zu nutzende Gelegenheitsfenster.

Ariane Bischoff
Für die Transformation zur nachhaltigen Entwicklung wird viel in technische Lösungen investiert und sich viel zu wenig der Herausforderung gestellt, den parallel unumgänglichen sozio-kulturellen Wandel zu forcieren. Das Bewusstsein für ein ethisch, sozial und ökologisch verantwortliches Leben und Wirtschaften ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen* - jedoch klafft eine große Lücke zum tatsächlichen Handeln. Um auf lokaler Ebene eine transformative Bewegung voranzubringen, muss es u.a. gelingen, vielfältige individuelle und kollektive Lernprozesse zu fördern, die Kraft der „Pioniere des Wandels“ stärker zu unterstützen, sichtbare Experimentierräume zu schaffen und an einer kommunalen Aus-Richtung dieses Entwicklungsprozesses - z.B. in Form einer lernenden Nachhaltigkeitsstrategie - zu arbeiten, die das Know-How vieler Akteure bündelt. Die SDGs bieten einen guten, aber auch herausfordernden Bezugsrahmen. Unbedingt gefragt sind mutige Entscheidungen, welche die Rahmensetzungen (Ökoroutinen) verändern, sodass nachhaltiges Handeln einfacher ist als nicht-nachhaltiges Handeln.
*siehe bspw. BUMB-Umweltbewusstseinsstudie 2016

Dr. Wilfried Bommert
Eine der schnell wachsenden transformativen Kräfte entwickelt sich im Bereich des lokalen Ernährungssystems. Mittlerweile arbeiten zivilgesellschaftliche Initiativen in mehr als 25 deutschen Städten mit rund 13 Millionen Einwohnern an der Entwicklung lokaler/regionaler Ernährungskreisläufe.
Es geht um Ernährungssouveränität in Zeiten zunehmender Verunsicherung. Die jüngsten Skandale um Insektengift in Eiern, die zunehmende Gefährdung des Trinkwassers durch die Abfälle der Mastfabriken, der Schwund bei Bodenfruchtbarkeit, Wasservorräte und Artenvielfalt und die Treibhausgase des industriellen Systems schüren die Zweifel an der Integrität der globalisierte Ernährungswirtschaft. Die Erfahrungen zunehmender Extremwetterlagen, Überschwemmungen, Dürren, Krieg und Flüchtlingsströme stellen die frühere Gewissheiten einer sicheren Ernährung in Frage. Das Verlangen nach Resilienz wächst und fördert die Entwicklung neuer lokaler Ernährungskonzepte.
Vorreiter in Deutschland sind die Städte Köln, Berlin, Hamburg und München. Die Kraft der Bewegung kommt aus der Vernetzung der zivilgesellschaftliche Initiativen einzelner Quartiere, die auf (Wochen-)Märkten, in Schulen, in Kantinen, in Gründerzentren für ein neues Ernährungshandwerk die ersten Schritte zur Regionalität leisten. Sie entwickeln gemeinsam als Ernährungsräte Vorbilder für die Neuausrichtung städtischer Entwicklungspolitik und befördern insgesamt eine ökologische Wende der Ernährungssystems.

Davide Brocchi
Es gibt keinen Königsweg für eine partizipative Transformation der Quartiere, deshalb ist es von zentraler Bedeutung, diese als Lernprozess zu begreifen, der sich in Spannungsfeldern bewegt. Ein wichtiges Spannungsfeld liegt zwischen Partizipation als Möglichkeit der Selbstregierung bzw. des „self-development“ einerseits und einer „Entwicklung“ („Quartiersentwicklung“ inbegriffen), die den Bürger/innen Modelle und Ziele vorgibt (mal Modernisierung, mal Nachhaltigkeit, mal Klimaschutz…). Einen möglichen Ausweg aus diesem Konflikt bietet der Commons-Ansatz. Hier werden auch ökologische Probleme als Probleme des Zusammenlebens betrachtet. Auch Quartiere können zu Gemeingütern werden. Ihre nachhaltige „Bewirtschaftung“ setzt u. a. die Kooperation der Anwohner/innen, eine Dezentralisierung der Verwaltung bzw. eine gewisse Selbstverwaltung des eingegrenzten Gebiets durch die lokale Gemeinschaft voraus.

Prof. Dr. Rainer Danielzyk
Für die Transformation der Städte ist immer das Zusammenwirken von drei Ebenen im Blick zu behalten: Von Stadtquartier, Gesamtstadt und Stadtregion. Da aufgrund der Komplexität und Mehrdimensionalität der Stadtentwicklung immer die Gefahr besteht, über „Alles und Nichts“ zu reden und dieses auch zu fordern, ist ein Fokus auf eine Ebene, hier: Stadtquartier, sehr sinnvoll, darf aber nicht die Zusammenhänge aus dem Blick verlieren. Die Ebene des Stadtquartiers ist für viele Aspekte der Transformation von größter Bedeutung, insbesondere aber für den Erhalt bzw. die Rückgewinnung der sozialen Integration in einer ausdifferenzierten und polarisierten Stadtgesellschaft. Entsprechende Handlungsstrategien müssen im Zusammenwirken von zivilgesellschaftlichen Initiativen, kommunaler Verwaltung und Politik sowie lokaler Wirtschaft organisiert werden. Eine besondere Bedeutung kommt einer handlungs- und leistungsfähigen Kommunalverwaltung zu, deren Wert erst dann richtig erkannt wird, wenn die hiesige Situation mit derjenigen in anderen Staaten, in denen sie nicht (mehr) vorhanden ist, verglichen wird. Finanzielle Ausstattung sowie Qualifikation des Personals und der Prozesse sind daher entscheidende Faktoren. In planerischer Hinsicht kommt es darauf an, „Möglichkeitsräume“ in funktionaler wie konkret- räumlicher Hinsicht zu schaffen. Initiativen brauchen Frei-Räume, in denen sie sich entfalten können.

Dr. Fabian Dosch
Jetzt also auch noch Stadtnatur. Die Begrünung sei der Tod der Stadt. Stadt müsse Stadt bleiben, so D. Guratzsch (08.03.2015), die aufgelockerte, durchgrünte Stadt sei eine Irrlehre, und mahnt: setzt die Kompaktheit nicht aufs Spiel. Was provozieren will, mahnt zum Neudenken. Etwa des Leitbildes "durchgrünte, durchmischte, aufgelockerte Stadt". Denn der Megatrend Stadtwachstum hat sich auch in Deutschland verstärkt. Dauerhaft und ambivalent. Neuer Lebendigkeit, kultureller Vielfalt und Nutzungseffizienz stehen Nutzungskonflikte gegenüber, etwa um knappe Flächen, Wohnraum, commons und Umweltgerechtigkeit. Überdies: Mehr Starkregen, Hitzestress, Feinstaub, Lärm, Verlust an Grünqualität und -menge. Bieten Quartiersprojekte neue Lösungen? Sind Konzepte wie die urbane grün-blaue Infrastruktur, die Schwammstadt oder die Gartenstadt 21, die smarte und resiliente Stadt, geeignete Antworten auf neue Dichte-, Lebens- und Umweltqualitätserfordernisse?

Thorsten Försterling
Sennestadt: Gutes Klima im Quartier: "Bielefeld-Sennestadt wurde zum Zentrum des Diskurses über brennende Fragen der nachhaltigen und klimafreundlichen Quartiersentwicklung. Die einzigartige städtebauliche Struktur der Sennestadt ist Thema einer hochkarätig besetzten Fachtagungswoche. Sie dient als anregendes Beispiel und als Kulisse für Diskurse um die Stadt von morgen. Das freut mich als Sanierungsmanager der Sennestadt außerordentlich."
Die Lösungen, die Hans Bernhard Reichow und andere Architektur der Nachkriegszeit für teilweise ähnliche Probleme gefunden haben, wie sie heute akut sind – Stichwort Flüchtlinge, Stichwort Partizipation, Stichwort Lebensqualität – stoßen auf wachsendes Interesse der Fachöffentlichkeit.
Auf allen diesen Feldern ist es das A und O, scheinbar und tatsächlich widersprüchliche Interessen in einem fruchtbaren Dialog zusammenzuführen. In diesem Sinne führen wir als Sanierungsmanager mit unseren Kooperationspartnern die unterschiedlichen Projekte vor Ort zusammen. Unser Augenmerk liegt auf der Qualität und dem Werterhalt der Nachkriegsarchitektur. Wir zeigen, wie Klimaschutz in Verbindung mit Baukultur funktioniert. Den anstehenden Fachtagungen wünsche ich eine glückliche Hand und eine Wendung ins Konstruktive.

Dr. Carsten Gerhardt
Städte/Metropolen stellen infolge ihrer schlichten Größe und Anonymität hinsichtlich ihrer Instandhaltung eine große Herausforderung dar. Ihre Verwaltungen scheinen in vielen Fällen zunehmend überfordert, die Infrastrukturen aufrecht zu erhalten. Der Zustand von Straßen, Brücken, Treppen, öffentlichen Gebäuden, Leitungen spricht vielerorts Bände. Mangelnde soziale Kontrolle führt nicht nur zu Gewalt und Kriminalität gegen Personen sondern auch zu Vandalismus gegen Sachen.
Bei der aktuellen Verwendung der zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel oder auch personellen Ressourcen ist es oft kaum möglich, den Zustand der öffentlichen Infrastruktur zu erhalten, geschweige denn zu verbessern. Dies liegt allerdings nicht am Mangel per se, sondern an der ineffizienten Verwendung von Mitteln und Ressourcen im öffentlichen Raum. Hier kommt den Bürgern eine besondere Verantwortung zu – sie sehen Handlungsbedarf jeder Art früh und unmittelbar. So z.B. Beschädigungen in einem frühen Zustand, wenn Gegenmaßnahmen noch mit geringem Aufwand ergriffen werden können, oder Baustellen, die über Wochen und Monate brach liegen und dennoch teuer berechnet werden.
Achtsamkeit der Bürgerschaft über die Mittelverwendung im öffentlichen Raum zur Steigerung des Allgemeinwohls!

Christian Hampe
Es ist vollkommen klar, dass die Herausforderungen unserer endlichen Ressourcen und gesellschaftlichen Diversität nicht alleine durch rein technologischen Fortschritt lösbar sind – selbst wenn zentrale, hochentwickelte und multivernetzte Systeme einen wichtigen Teil dazu beitragen können. Die elementare Frage bleibt: Wie können wir soziale und ökonomische Hindernisse überwinden und eine suffiziente Stadt(-) und Gesellschaft fördern? Von zentraler Bedeutung sind dabei intermediäre Strukturen, die eine Kapillarwirkung erzeugen und so einerseits Wissen, Ressourcen und Möglichkeitsräume bis in die feinsten Verästelungen unserer Gesellschaft tragen und andererseits Innovationen und Meinungen einzelner BürgerInnen unter Stärkung demokratischer Strukturen in die Entscheidungsstrukturen zurückspielen. Um Akteure mit entsprechenden Zielsetzungen und Konzepten zu fördern, braucht es jedoch dringend eine wirksame Förderstruktur bis in die Quartiere hinein, die Engagement identifiziert und unterstützt und somit die notwendigen Ressourcen stärkt, welche die Infrastruktur für die nächste große Transformation sein werden.

Jörg Heynkes
Wir leben in der aufregendsten, spannendsten und gefährlichsten Zeit der Menschheitsgeschichte. "Die große digitale Transformation" prägt in den kommenden 20 Jahren die vierte industrielle Revolution. Die damit verbundenen technologischen und gesellschaftlichen Transformationsprozesse werden unsere Gesellschaft mehr verändern als jemals zuvor. Und das in einer Geschwindigkeit die vielen von uns Schwierigkeiten bereitet. Wir brauchen einen großen gesellschaftlichen Diskurs darüber, wie wir unsere staatlichen Rahmenbedingungen so verändern können, damit diese wenigstens einigermaßen mit den anstehenden Herausforderungen zurecht kommen können. Wir werden fast alles Bisherige in Frage stellen müssen und brauchen völlig neue Konzepte für staatliches Handeln in fast allen Lebensbereichen. Stadtentwicklung, Bildung, Steuern, Entlohnungssysteme, Sozialversicherungssystme, usw… Bis hin zu unserer politischen Parteiendemokratie, welches spürbar an den Rand seiner Daseinsberechtigung gekommen ist.
Auf geht’s!

Hartmut Hoferichter
Zum Thema der Transformation habe ich zum einen Zugang durch Erfahrungen aus der Arbeit in Quartieren vor Ort (z.B. soziale Stadt/Solinger Nordstadt) und aus meiner ehrenamtlichen Arbeit im Bau- und Verkehrsausschuss des Dt. Städtetages. Zu Recht setzt sich hier seit einiger Zeit die Erkenntnis durch, dass die nötige Veränderung der Lebensbedingungen (Wohnumfeld, Mobilität, Ressourcen- und Klimaschutz etc.) konkret vor Ort und mit einem überschaubaren Raumbezug besser gelingen kann. Dazu gehört z.B., dass isolierte Einzelmaßnahmen der Vergangenheit angehören und integrierte, quartiersbezogene Ansätze das Gebot der Stunde sind. Das zeigt sich auch in den diversen Aktivitäten zur nachhaltigen Entwicklung in der Stadt, bei denen Bürgerinnen und Bürger für ihr Lebensumfeld sehr innovative Ideen einbringen und zum Mittun motiviert werden. Die Bewerbung der Bergischen Städte für die nächsten Regionalen hat diesen Gedanken u.a. mit der Vorschlag der Schaffung von Laboren für Aktive vor Ort aufgegriffen. Die aktuellen Förderprogramme z.B. des Landes NRW vollziehen diese Entwicklung allerdings noch längst nicht ausreichend nach. Zum anderen beschäftigt mich seit einiger Zeit sehr intensiv das Thema der regionalen Kooperation- hier konkret durch einen Verbund der Bergischen Städte und des Landkreises Mettmann. Dort manifestiert sich in einer konkreten Verabredung die Erkenntnis, dass insbesondere in Bereichen wie Siedlungsentwicklung, Mobilität oder regenerative Energien etc. lokales Handeln nicht mehr zum Ziel führt und nur gleichberechtigtes Handeln auf Augenhöhe die bestehenden Probleme zukünftig lösen kann.

Yvonne Johannsen
„Die Menschen, nicht die Häuser machen eine Stadt“. Die Entwicklung unserer Städte sieht neben der Investition in Steine immer auch die Investition in die Menschen vor. Diese sozialräumliche Quartiersentwicklung wird von sogenannten Managern begleitet, die nach Beendigung des Fördereitraums ihre Quartiere oft wieder verlassen müssen. Sie sollen doch nur Impulse und die Transformation der Stadtteile anregen, diese aber letztlich in die Verantwortung der Menschen vor Ort übergeben. Dabei erfordert die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme - für die eigenen und fremder Interessen – ein hohes soziales und ökonomisches Kapital, das nicht nur temporär zur Verfügung stehen darf. Diese Ressourcen müssen allgegenwärtig sein, wenn wir erwarten wollen, dass die Menschen zukunftsweisende Wege und Planungen verinnerlichen und mitgehen. Die Sicherstellung benötigter Ressourcen, die Verteilung von Einfluss und Verantwortung und eine Beteiligungskultur als selbstverständliche Haltung sind die Basis für unsere Städte der Zukunft.

PD Dr. Harald Kegler
Was hat das Thema mit dem Klimawandel zu tun? Im Zentrum bisheriger Quartiersentwicklung stehen vor allem funktionale Fragen und Beziehungen. Quartiere sind allein kaum in der Lage, klima-transformativ steuernd zu wirken, zumal hier – automatisch – Partikularinteressen bestimmen. Es müssen neue Relationen gedacht und praktiziert werden, die eine flächenbezogene Stadt-Land-Klimapolitik ermöglichen, denn die Flächen (respektive die Bodengüter) sind ein wesentlicher Faktor in der transformativen Klimapolitik (Mitigation, Adaptation, Resilienz). Das Quartier muss mit der Region verbunden werden, um klimarelevante Strategien verwirklichen zu können. Ein Instrument dafür kann ein – neu gedachter – Flächenhandel sein, der den ökologischen Fußabdruck als Planungs- und Kooperationsgröße von Quartier und Land beinhaltet.

Dr. Dietmar Kraft
Der Transformationsforschung gehen die Praxispartner verloren – nämlich die Städte und Kommunen, die bei der „Nachhaltigen Transformation urbaner Räume“ explizit adressiert werden. Gründe dafür sind ein unzureichendes Verständnis kommunaler Planungs- und Entwicklungsprozesse und mangelnde Anerkennung kommunaler Kompetenzen. Den potentiellen Umsetzern in den Städten und Kommunen wird im Tagesgeschäft des Verwaltungshandelns viel abverlangt, nicht zuletzt an sparsamer und wirtschaftlicher Haushaltsführung. Dennoch zeigen Kommunen bereits heute hohes Innovationspotential. Eine anwendungsorientierte Transformationsforschung sollte sich daher vermehrt mit der Transformationsfähigkeit kommunaler Strukturen und Prozesse auseinandersetzen und Praxispartner gleichberechtigt in den Forschungsprozess einbinden. Dies beinhaltet einen konstruktiven Dialog zwischen Wissenschaft, Politik und Verwaltung, auf Augenhöhe und über den Kreis der üblichen Metropolen hinaus.

Christian Lehmann
Ich arbeite seit vielen Jahren zu Themen des betrieblichen Umweltschutzes und der Nachhaltigkeitsforschung. Dabei habe ich viele Projekte und Instrumente bei der Verknüpfung von Ökonomie, Ökologie und Sozialem in der Praxis erprobt und umgesetzt. Die Rolle der Unternehmen in der Gesellschaft hatte dabei immer einen besonderen Stellenwert. Insofern interessiert mich die Frage, welche Rolle Unternehmen bei einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung spielen und welche Instrumente der betrieblichen Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung dafür relevant sein können. Ein besonderer Fokus liegt auf einer ökonomischen Perspektive. Meine These ist, dass eine zukunftsfähige Stadtentwicklung ohne eine konsequente Umsetzung von ökonomischen, ökologischen und sozialen Aspekten im Gleichklang nicht entsteht. Ich bin überzeugt, dass dies aktuell immer noch nicht passiert und möchte gerne über neue Möglichkeiten und Instrumente diskutieren.

Rainer Lucas
Aufgrund der Verschuldung vieler kommunaler Haushalte ist eine sozial und ökologisch ausgerichtete Stadtpolitik zunehmend abhängig von staatlichen Förderprogrammen, privaten Investoren und der Eigeninitiative der Bürgerinnen und Bürger. Die zahlreichen Einzelprojekte, die in diesem Kontext entstehen, sind von einem sachbezogenen Inkrementalismus geprägt (Energetische Sanierung, Urban Gardening, neue Fahrradtrassen, Kulturprojekte, soziale Netzwerke), es fehlt vielfach ein Gesamtkonzept zukunftsorientierter, städtischer Entwicklung. Vor diesem Hintergrund muss die verbreitete „Selbstgenügsamkeit“ und die Eigenlogik vieler Quartiersprojekte überwunden werden.

Prof. Dr. Dirk Messner
Die Wucht der derzeitigen Urbanisierungsdynamik und ihre Auswirkungen sind so groß, dass sich weltweit Städte, Stadtgesellschaften, Regierungen und internationale Organisationen diesem Trend stellen müssen. Ein "Weiter so wie bisher" würde ohne gestaltende Urbanisierungspolitik zu einer nicht nachhaltigen Welt-Städte-Gesellschaft führen. Nur wenn Städte und Stadtgesellschaften ausreichend handlungsfähig werden, können sie ihre Kraft für eine nachhaltige Entwicklung entfalten: In den Städten wird sich entscheiden, ob die Große Transformation zur Nachhaltigkeit gelingt. Im WBGU-Urbanisierungsgutachten werden die Erfolgsbedingungen dafür diskutiert.

Dr. Barbara Möhlendick
Die Entwicklung einer nachhaltigen, smarten und klimafreundlichen Stadt mit hoher Lebensqualität erfordert das Zusammenwirken der gesamten Stadtgesellschaft. Sowohl Top Down – Unterstützung durch die Stadtspitze und politischer Beschluss – als auch Bottom Up – Bürgerbeteiligungen sind notwendig. Die Stadt kann nicht für, sondern nur mit den Bürgern geplant werden. Dabei ist jedes Quartier individuell – die Bürgerinnen und Bürger wissen am besten, wie sie in ihrem Veedel leben, arbeiten und wohnen wollen. Die Nutzung der Kompetenz der Anwohner wird als Ressource für die nachhaltige Stadtentwicklung unterschätzt. Stadtregierungen stehen häufig unter dem Druck, schnell und damit nicht nachhaltig zu handeln. Die Quartiersbewegungen geben wertvolle Impulse für die Stadtentwicklung und zeigen beispielhaft, dass ein klimafreundliches und nachhaltiges Leben möglich ist und wie es geht. Das macht Lust auf Nachahmen.

Prof. Dr. Reinhard Pfriem
Dem kürzlich verstorbenen Soziologen Benjamin Barber zufolge könnten es die städtischen Bürgermeister/innen sein, die vielleicht noch in der Lage sind, die menschliche Welt zu retten: genügend nah dran an den Menschen (radikale Demokratie) und mit hinreichend politischer Entscheidungsgewalt ausgestattet (Veränderungsfähigkeit).
Dazu bräuchte es allerdings an der gesellschaftlichen Basis neue Institutionen (etwa Quartiersräte ausdrücklich unter Beteiligung transformativer Unternehmen) und hinreichende Radikalität in der politischen Umsetzung (Souveränität bei der baulichen, infrastrukturellen und naturräumlichen Stadtgestaltung statt Unterwürfigkeit gegenüber Investoren; konsequent gemeinschaftsbildende Aktivitäten in sozialer und kultureller Hinsicht statt individualisierter Konkurrenz; radikale Maßnahmen und Aktivierung der Bürgerinnen und Bürger für ökologische Lebensqualität und solidarischen Umgang miteinander statt business as usual).

Prof. Dr. Uwe Schneidewind
Stadt-Unternehmertum als Governance-Herausforderung:
Neue Akteure prägen die Transformationsprozesse in vielen Städten. Von Quartiers-Entrepreneuren über transformative Wissenschaftler/innen bis hin zu Wegehelden im Kampf um den Straßenraum. Sie werden zu Autoren, Designern, Kuratoren von Quartieren und Städten. Sie bringen Bewegung in die urbane Entwicklung und stellen einen nicht nach klassischen Kriterien legitimierten Machtfaktor der Stadtentwicklung dar. Was bedeuten diese neuen Stadt-Unternehmer/innen für eine künftige urbane Governance? Wie sind sie mit etablierten Partizipations- und Entscheidungsstrukturen in Städten zu verbinden? Diese Fragen zu klären, ist eine wichtige Aufgabe urbaner Transformationsforschung und –praxis.

Gaby Schulten
Ich finde die Ansichten Jan Gehls sehr sinnvoll – Architektur, Stadtplanung und Verkehrsplanung sollen sich nach den Bedürfnissen der Menschen richten, nicht andersherum. Er meint, die Art, in der eine Stadt gestaltet ist, prägt die Bewohnerinnen und Bewohner. Entscheidend für die Stadt der Zukunft ist für ihn das menschliche Maß, denn die Menschen sind letztendlich diejenigen, welche die Stadt lebenswert machen. Die Menschen sollten wieder dazu eingeladen werden, sich mit anderen gerne und viel im öffentlichen Raum aufzuhalten und ihn so zu gestalten.

Matthias Sinn
Es wird behauptet, dass die Transformation in der DNA des Ruhrgebiets stecke. Dies ist wohl mit Blick auf die letzten 200 Jahre mit Auf und Ab von Wirtschaftsentwicklungen und Zuwanderungsbewegungen nachvollziehbar. Ist die Transformation tatsächlich durch die Städte zu bewältigen? Transformation in Bezug auf die Lebenswelt der Menschen wird stark aus dem Quartier heraus gestaltet, dem nächstliegenden Identifikationspunkt der Bürgerinnen und Bürger. Dennoch kann die großräumige Planung eine Identifikation mit Transformation befördern. Großprojekte und Stadtplanung wie Emscherumbau, Essen. Neue Wege zum Wasser oder der Phönixsee sind Beispiele hierfür. In Bezug auf die wirtschaftliche Prosperität sind Transformationen dann wirkungsvoll, wenn frühzeitig regional lenkende Strategien moderne Entwicklungen aufgreifen: Start-Ups, Circular Economy, Universitäre Landschaften entstehen nicht aus sich selbst heraus.

Prof. Dr. Andreas Thiesen
Von der Transcity zu sprechen, setzt voraus, das Lokale neu zu denken. Transformative Stadtentwicklung erkennt an, dass es die kommunale Planungshoheit vergangener Dekaden nicht mehr gibt – und zwar im doppelten Sinne: Zum einen sind die stadtpolitischen Wirkungszusammenhänge von Themenfeldern wie Verkehr, Energie oder Wohnungsbau ebenso mehrfach verortet wie die sozialräumlichen Identitäten, an denen Quartiersmanager festhalten, als wären Stadtteilimages Integrationsmaschinen. Zum anderen fordern von Istanbul bis Helsinki zivilgesellschaftliche Stadtbewegungen ihr Recht auf Stadt. Deren Ansätze gilt es genauer zu untersuchen, halten sie dem reproduktiven Kreislauf aus Nachverdichtung, homogenen Innenstadtbildern und Suburbanisierung doch vielerorts Reallabore der Zukunftsfähigkeit entgegen.

Harris Tiddens
Definitionen für Stadt sind international fast so zahlreich wie die Anzahl von nationalen Staaten. Weltweit gibt es zudem nur rund 4.300 dieser so definierten Städte mit mehr als 100.000 Einwohnern, wobei z.B. Tokyo und Moers in dieselbe Kategorie fallen, was für Vergleiche wenig Aufschluss gibt. Hilfreich wäre die Beschreibung unserer Siedlungstexturen aus Nutzer-Sicht mit Ebene I: Wohn- oder Gebrauchseinheit von Innen; Ebene II: Gebäude plus Grundstück; Ebene III: (bis ca. 2.000 Einwohner) Dorf, sofern freiliegend, wenn eingebettet, Nachbarschaft; Ebene IV: (2.000-20.000 Einwohner), Kleinstadt, sofern freiliegend und wenn eingebettet Stadtteil; Ebene V: mittlere Großstadt bzw. Bezirk und so weiter. Die erste urbane Ebene ist damit die Ebene IV, wovon es weltweit rund 370.000 Einheiten gibt. Auf dieser Ebene sind sinnvolle Reallabore und eine auf Best Practices basierte Fürsorge für Nachhaltigkeit und Resilienz realisierbar. Auf dieser Ebene IV sind die Bewohner noch in der Lage, ehrenamtlich Verantwortung wahrzunehmen. Subsidiarität und lernender Wettbewerb zwischen diesen Einheiten sind die Chance für Nachhaltigkeit.

Ralf Zimmer-Hegmann
Ich sehe für die Stadtentwicklung folgende inhaltliche Themen, die aktuell und prioritär zu bewältigen sind: Die Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum, die Integration von Zugewanderten und die Gefahren sozialräumlicher Exklusionsprozesse sowie den Anstieg des Individualverkehrs mit entsprechenden Schadstoffkonzentrationen und negativen Folgen für die Gesundheit. Damit sind gleichermaßen Aspekte der Schaffung von Lebensqualität sowie Fragen der gerechten Verteilung von Zugängen, Ressourcen und Belastungen verbunden. Mit der Beantwortung dieser Fragen sind allerdings Zielkonflikte verbunden. Beispielsweise führen städtebauliche Aufwertungen oder die Reduzierung von Umweltbelastungen zwar zur Verbesserung der Lebensqualität, sie sind aber u.U. mit Bodenwert- und Mietpreissteigerungen und sozialer Verdrängung verbunden. Insofern brauchen wir ganzheitliche und integrierte Lösungen bei der Bewältigung dieser sozial-ökologischen Herausforderungen.