Spiekerooger Thesen 2014

Dr. Irene Antoni-Komar
Wie wollen wir in Zukunft zusammenleben? Mit dieser Frage lässt sich die unumgängliche kulturelle Kehre unserer sozialen Praktiken umspannen, die sich bislang in der kontinuierlichen Steigerung unbegrenzter Bedürfnisse bewegen. Wie lässt sich die Vorstellung guten Lebens vom Wunsch nach materiellem Wohlstand entkoppeln? Wo Menschen sich nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere interessieren, entstehen Gemeinschaften, die das „Fremdversorgen“ und das quantitative Wachstum in eine freiwillige und aktive Sorge für eine resiliente Gesellschaft des Maßhaltens, der erhöhten Eigenproduktion und der Selbstbegrenzung wandeln. Wirtschaftliche Aktivität in einem transformativen, kreativen Raum zu entfalten, bedeutet nach Serge Latouche: neu bewerten, umdenken, umstrukturieren, lokalisieren, umverteilen, reduzieren, wiederverwenden, recyceln. Jenseits des utilitaristischen Kalküls und der Ökonomisierung des Lebens tragen freiwilliges (und auch unentgeltliches) Engagement in der solidarischen Ökonomie, in Kooperativen und Genossenschaften, Netzwerken und sozialen Bewegungen zu einer neuen und zukunftsfähigen Kultur des Zusammenlebens bei.

Prof. Dr. Mathias Binswanger
Traditionell wird mit dem Begriff „Wertschöpfung“ die Produktion von Gütern Dienstleistungen verbunden, die dann auf dem Markt für Geld verkauft werden. Das Mass für diese Wertschöpfung ist das Bruttoinlandprodukt, auf welches sich die ganzen Zahlen über das Wirtschaftswachstum beziehen. Ob mit dieser rein wirtschaftlich interpretierten Wertschöpfung aber weitere Werte geschaffen bzw. zerstört werden, ist eine andere Frage. Wenn eine Zunahme der wirtschaftlichen Wertschöpfung nicht mehr dazu führt, dass sich das subjektive Wohlbefinden der Menschen in einem Land verbessert, dann kann man das Ziel eines möglichst hohen Wirtschaftswachstums auch ökonomisch hinterfragen.
Aus diesem Grund und auch wegen der mit dem Wirtschaftswachstum einhergehenden ökologischen Belastungen wird seit längerer Zeit nach nachhaltigeren bzw. zukunftsfähigeren Wohlstandsmodellen gesucht. Sehr weit ist man dabei aber nicht gekommen. Entweder wird die Diskussion über alternative Wohlstandsmodelle einfach zu einer Diskussion über alternative Wohlstandsindikatoren. Und wenn tatsächlich Alternativen zu heutigen Wohlstandsmodellen diskutiert werden, dann berücksichtigen sie zu wenig die Funktionsweise und Wachstumsdynamik moderner Wirtschaften. Die kulturelle Kehre lässt noch auf sich warten.

Dr. Wilfried Bommert
Das 21. Jahrhundert wird eine grundlegende Ernährungswende erleben.
Diese Wende äußert sich heute schon in einer Vielzahl von Initiativen der Zivilgesellschaft. Sie bauen auf einer neuen Wertschätzung von Lebensmitteln auf, organisieren sich lokal oder regional und streben danach, die Ernährung wieder in die eigenen Hände oder zumindest unter die eigene Kontrolle zu bringen.
Die Protagonisten organisieren sich längs der Nahrungskette als Kollektive, Vereine oder Genossenschaften. Sie wirtschaften mehr in Gemeinschaften, stimmen sich demokratisch ab. Sie bringen den Landwirten und Gärtnern eine neue Wertschätzung entgegen, achten das Wohl der Tiere und der Umwelt. Sie setzen stadtnah verlassenen oder ungenutzte Flächen durch ihre Bewirtschaftung in Wert. Sie organisieren eine neue "soziale" Nahrungskette und schöpfen ihre Werte nicht nur aus den materiellen Erzeugnissen, sondern ebenso aus dem Erleben von Gemeinschaft, Natur und Kreatur. Ziel ist, die Abhängigkeit von der industriellen Land- und Ernährungswirtschaft, ihren wachsenden Kollateralschäden bei Klima, Boden, Wasser, Artenvielfalt und zunehmende Krisenanfälligkeit zu lösen. Politische Kraft erreichen sie durch das Beispielhafte ihres Tuns, durch Öffentlichkeit und durch die durch die Verknüpfung ihrer Projekte zu einen neuen weltweiten Netz. So führt der Wertewandel in der Zivilgesellschaft im 21.Jahrhundert zur Abkehr von der industriellen Produktions-, Verarbeitungs- und Esskultur und zum Aufbau neuer enkelfähigen Formen der Land- und Ernährungswirtschaft.

Prof. Dr. Klaus Eisenack
Der ökonomische Begriff „Wertschöpfung“ ist prima facie paradox: wie kann ein Produkt mehr Wert haben als die Summe seiner Vorprodukte? Gibt es etwa eine „Schöpfung“ von Wert „aus dem Nichts“? Das Paradox löst sich auf, wenn Akteure verschiedenen Produkten oder Aktivitäten verschiedene Werte bzw. Präferenzen zuweisen.
Wert wird jedoch z.T. sozial konstruiert, etwa durch value articulating institutions (Vatn). Solche Institutionen können z.B. Kosten-Nutzen-Analysen sein, in einem weiteren Sinne auch Märkte, Abstimmungen, und andere Mechanismen. Gleichzeitig kann man auch annehmen, dass das verfügbare Produktportfolio zur Formierung von Präferenzen und Werten beiträgt. Wenn diese Werte durch Institutionen artikuliert werden, schöpft (zerstört) die Produktion dann über diesen Weg selbst Wert?
Ist das paradox? Gedankenexperiment: Angenommen, es gäbe eine neue „Glückspille“, deren freiwillige Einnahme den subjektiven Wert bestimmter Aktivitäten oder Produkten steigert (z.B. Genuss von Lebensmitteln, Altruismus aus umweltfreundlichem Verhalten, Lebensfreunde durch Muße), und das ohne Nebenwirkungen. Schöpft diese Glückpille dann Wert? Zu welchen Verhaltensänderungen würde das führen?

Lili Fuhr
Betonen möchte ich die starken Zweifel an der Nützlichkeit einer monetären Bilanzierung gesellschaftlicher Kosten. Ein zutiefst politischer Konflikt, der sich mit der Aushandlung von Interessen und der Umverteilung von Wohlstand befassen muss, lässt sich durch Internalisierung von Umwelt- (und Sozial)kosten nicht lösen. Vielmehr ergibt sich die Gefahr einer Legitimierung von Umweltzerstörung und einer Unterminierung des Prinzips demokratischer Gerechtigkeit.
Grundsätzlich in Frage zu stellen sind aus meiner Sicht zum einen die Größe der Unternehmen und der damit einhergehenden wirtschaftlichen und politischen Macht (too big to fail und too big to jail), zum anderen das Prinzip des Shareholder Kapitalismus, der die Interessen des Kapitals bedient und nicht die der Gesellschaft.

Dr. Daniela Gottschlich
Der durch den Mainstream ökonomischen Denkens und Handelns geprägte Blick auf Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität erfasst nur einen Teil der Wirklichkeit. Die Grundlagen allen Wirtschaftens – die unbezahlte Sorgearbeit und die ökologischen Prozesse – bleiben in der theoretischen Bewertung ausgegrenzt, während sie in der Praxis als Folge von profitorientierter Kapitalakkumulation zusehends zerstört werden. Die Krise der gesellschaftlichen Naturverhältnisse, die die „Krise des Reproduktiven“ (Biesecker & Hofmeister) als einen zentralen Kern hat, stellt nicht nur einen Ausgangspunkt für Kritik am Bestehenden dar, sondern bietet auch eine Chance für die Transformation bestehender Machtverhältnisse, für (vor)sorgende Wirtschafts- und Lebensweisen und für eine neue politische Kultur. Denn der Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft stellt sich auch als eine Frage der Demokratie, getragen von der Erkenntnis, dass soziale und ökologische Qualitäten nur erhalten und verbessert werden können durch ein politisches Handeln, das an einer Kultur der (Vor)Sorge orientiert ist. In einer solchen „(vor)sorgenden Demokratie“ (Tronto) geht es nicht um die Durchsetzung privater Interessen, sondern um die Übernahme von Verantwortung für sich und andere, für Natur und künftige Generationen und damit für Demokratie selbst.

Prof. Dr. Silja Graupe
Seit Jahren mahnen kritische Stimmen einen cultural turn in den Wirtschaftswissenschaften an. Eine wesentliche Forderung dabei lautet, nicht mehr aus rein distanziert-objektiver Perspektive über Menschen zu forschen, sondern mit ihnen. Im Hinblick auf Fragen der Wertschöpfung meint dies u.a., gesellschaftliche und politische Diskussionen nicht allein auf der Grundlage bereits erfolgter Berechnungen und Bewertungen durchzuführen, sondern deren Zustandekommen selbst im Dialog zu reflektieren. Nicht allein der geschöpfte Wert, sondern der aktive Prozess der Wertschöpfung muss in den Blick geraten. Wie kommen wir zu Einschätzungen von Werten und wie prägen diese Prozesse selbst - und nicht allein ihre Ergebnisse - unser Leben? Welche Praktiken und welche Denkweisen können und sollen darüber entscheiden, ob und wie wir etwas wertschätzen? Wesentlich scheint mir, dass es sich hierbei nicht allein um Fragen der Wissenschaft, sondern vor allem auch der Bildung handelt. Wie befähigen wir zur kritischen, multiperspektivischen Reflexion und kreativen Gestaltung jener Prozesse, die immer wieder neu darüber entscheiden (sollen), was jedem von uns sowie der Gesellschaft im Ganzen wertvoll erscheint?

Christiane Grefe
Nachhaltiges Wirtschaften soll „eine Frage der Ehre“ werden? Viele Unternehmer und Manager würden ihre Prioritäten schon heute lieber anders setzen als mit Vorrang auf Umsatzzahlen zu starren. Doch individuell kommen sie aus den Zwängen globaler Unterbietungs- und Technologiewettbewerbe oder Shareholder-Ansprüche nicht heraus. Die Verbraucher sollen bescheidener werden? Vielfältiger Konsum beantwortet in modernen Gesellschaften zu viele Bedürfnisse und Zwänge – nach Mobilität, Abwechslung, Anerkennung, Spiel, Ich-Erweiterung, Flucht, Spaß, Zugehörigkeit – als dass sich das Kaufverhalten allein durch normative Appelle an den/die Einzelne(n) dämpfen ließe. Alle bewegen sich in Widersprüchen, und die Katze beißt sich in den Schwanz: Erst veränderte politische, technologische und ökonomische Rahmenbedingungen schaffen die Voraussetzungen für die notwendige "kulturelle Kehre" (in erster Linie Entschleunigung). Doch zugleich bringt erst ein kultureller Wandel die Mehrheiten für entsprechende Gesetze hervor. Dieses Paradox ist nicht neu, es hat noch jeden gesellschaftlichen Wandel begleitet. Zentrale Hindernisse heute sind – national wie global – dramatische Defizite im geforderten Wechselspiel zwischen gesellschaftlichen Experimenten und ihrer parlamentarischen Verstärkung.

Gerolf Hanke
Nachhaltigkeit ist im Kern eine Frage der Alltagskultur. Alle politischen und unternehmerischen Bemühungen um die nachhaltige Produktion von Gütern – so sinnvoll sie auch sein mögen – werden konterkariert von einer nach wie vor dominanten Konsumkultur des "Mehrhabenwollens". Diese ist tief eingeschrieben in unsere alltägliche Lebenswelt, in die Infrastruktur und in die sozialen Kontexte, in denen Konsumstile eingeübt, mental etabliert sowie im Habitus manifestiert und reproduziert werden.
Das Gegenprogramm dazu heißt Suffizienz, also die Orientierung an einem guten Leben mit deutlich reduziertem Naturverbrauch innerhalb ökologischer Grenzen. Um sich individuell aus der hegemonialen Konsumkultur zu lösen, braucht es allerdings Nischen alternativer Werthaltungen und Lebensstile, in denen die „Befreiung vom Überfluss“ (Paech 2012) eingeübt werden kann.
Wenn diese Thesen zutreffen, ergeben sich beispielsweise folgende für die Nachhaltigkeitsforschung relevante Fragen: Unter welchen Bedingungen entstehen Nischen einer Alltagskultur der Suffizienz? Wie kann ihre Entstehung befördert werden? Unter welchen Voraussetzungen werden sie für welche Zielgruppe zu attraktiven Erfahrungsräumen? Und wie gelangt Suffizienzorientierung aus der Nische in den Mainstream?

Prof. Dr. Hans Immler
Die zukünftige Wertschöpfung wird wesentlich aus einer modern verstandenen Naturproduktivität resultieren. Das Naturwachstum wird zum Wirtschaftswachstum, so als Biowachstum, Nahrungsherstellung, Gesundheit oder Biotechnologie. Natur und Wirtschaft werden nicht getrennt, sondern wachsen zusammen. Die zukünftigen drei Wirtschaftssektoren sind ökologische Produktion, ökologische Konsumtion und Protektion der Natur (Naturschutz).
Die Risiken dieses Weges sind groß, weil 3-4 Milliarden Menschen heute neu die industrielle Lebensweise anstreben, und weil die moderne Ausbeutung der Natur gefährlich ist. Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung sollte neben dem Begriff der Wertschöpfung den der Wertvernichtung einführen, um diese Risiken zur Kenntnis zu nehmen. Aber ein modernes Naturverständnis wird zum Kern aller Wirtschaft.

Dr. Christian Lautermann
Damit Unternehmen mit Klimawandel, Ressourcenverschwendung und weiteren Nachhaltigkeitsherausforderungen angemessen umgehen, wird jüngst eine „gesellschaftliche“ oder „nachhaltige“ Wertschöpfung postuliert. Das Kernproblem der bisherigen Vorschläge einer solchen Wertschöpfung liegt in der Fortsetzung einer instrumentalistischen Denkweise. Diese begreift Werte (auch „soziale“ Werte) als objektiv beurteilbare Erzeugnisse eines rationalitätsbasierten und effektivitätsorientierten Handelns gesellschaftlicher Akteure (hier: Unternehmen) – emblematisch dafür ist der Neologismus „Impact“. Um aber den kulturellen Voraussetzungen unserer Nachhaltigkeitsprobleme gerecht zu werden (insbes. sinnloser Konsumismus), bedarf es eines grundlegend revidierten Verständnisses unternehmerischer Wertschöpfung. Mein Alternativvorschlag ist kulturalistisch, insofern er Werte als mögliche positive Bedeutungszuweisungen zu jeglichem denkbaren Weltausschnitt (Artefakte, Personen, Organisationen) begreift. Dabei ist er prozessual, das heißt er betrachtet den zusammenhängenden Verlauf von der Handlungsmotivation (Wert-Vorstellungen) bis zum Handlungsergebnis (Wert-Schöpfung). Schließlich ist er pluralistisch und berücksichtigt die Vielfalt von Wertdimensionen (ethische, ästhetische, pragmatische, spirituelle u.a.) wie auch die Vielfalt von Wertmaßstäben und alternativen Wertlogiken (Steigerung, rechtes Maß u.a.).

Prof. Dr. Marco Lehmann-Waffenschmidt
Wer zum Stichwort „Wert(e)“ einen Blick in die philosophische und erkenntnistheoretische Literatur wagt, trifft auf einen reichen Fundus kulturhistorischer und semantischer Differenzierungen. Eingeschränkt auf die ökonomische Perspektive ergibt sich eine Differenzierung des Wertbegriffs in zwei wesentlich verschiedene Richtungen: Gemeint sind einmal diejenigen Werte, die in der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung faktisch erzeugt und in der Inlandsprodukt-Gesamtrechnung bilanziert werden, und zum anderen das, was wirklichen „individuellen Nutzen“ stiftet, also einen Beitrag zur nachhaltigen individuellen Lebenszufriedenheit - zum Glück(lich-Sein) – leistet. Fragt man bei Letzterem genauer nach, was es bedeutet, dann begegnet man der ganzen Komplexität der Ökonomie und ihrer Wissenschaft, und das sowohl hinsichtlich der theoretischen als auch der lebenspraktischen Dimension. Ist z. B. ein kurzfristig wirkender Beitrag zum individuellen Wohlbefinden ein solcher glücksstiftender Wert, auch wenn er später zu negativen Folgen führt, oder gilt das eher für einen Beitrag zur nachhaltig wirkenden Nutzenstiftung, der allerdings zunächst Einschränkungen und Abstriche mit sich bringt? Oder in welchem Verhältnis steht ein Sieg in einem „Status-Wettbewerb“ zum erfolgreichen Betreiben eines gemeinwohlorientierten Unternehmens? Die Themen der bisherigen Spiekerooger Klimagespräche lesen sich wie eine Stoffsammlung zu diesen Fragen. Wie läßt sich aber eine individuelle Nutzenstiftung im Sinne eines Beitrags zur nachhaltigen individuellen Lebenszufriedenheit vernünftig vermessen? Ist alles subjektiv und singulär, oder gibt es eine Meßmethode, die als interpersonell kompatibler Ansatz akzeptabel erscheint – könnte der Aspekt der „Sinnstiftung“ zu einem brauchbaren Maßstab beitragen? Es wird spannend sein, welche Antworten sich aus den Gesprächen und Diskussionen bei den 6. Spiekerooger Klimagesprächen ergeben.

Christine Merkel
Die erste (Volks-) Aktie wurde 1606 ausgegeben. In den ersten 80 Jahren erzielte sie eine Durchschnittsrendite von fast 20%. Dies liest sich heute utopisch. Eine kulturelle Kehre in Sachen WertSchöpfung und WertSchätzung kann auch von ungewohnten Zeithorizonten profitieren. Es lässt aufhorchen, dass die OECD, Denkfabrik der Industrie- und Schwellenländer, mit „Well-Being Since 1820“ kürzlich erstmalig eine breit angelegte volkswirtschaftlich-historische Längsschnitt-Studie vorlegte. Praktiken wie die breit verankerte Genossenschaftsidee und -bewegung greifen Grundprinzipien des kulturellen Selbstverständnisses menschlicher Gemeinschaft auf und übertragen sie in die ökonomische Praxis. 800 Millionen Menschen in über 100 Ländern gehören Genossenschaften an. Die digital natives replizieren diesen Ansatz à la Carte z.B. über Instagram. Die kulturelle Kehre lässt sich durch eine aktive Neu-Bewertung des persönlichen immateriellen Vermögens beflügeln: Wir haben mehr Reichtum als wir denken, wenn Komponenten wie Gesundheit, Lebenslust, Aus/Bildung, Arbeitskraft, Talente, Partner, Kinder, Freundschaften, die Nutzung öffentlicher Infrastruktur sowie von Naturgütern in-Wert-gesetzt werden. Der Mensch will Fülle und Farbe, keine Appelle zur kulturellen Selbst-Bescheidung.

Prof. Dr. Ingo Mose
Die Anforderungen nachhaltiger Entwicklung verlangen, unser Verständnis vom „Wert“ der Dinge zu korrigieren: Gegen die herrschenden Praktiken, Wert primär ökonomisch zu definieren und rechnerisch zu bemessen (als Umsatz, Gewinn, Sozialprodukt), gilt es einen ganzheitlichen Wert-Begriff zu stellen, der soziale, kulturelle, ästhetische Qualitäten einbezieht. Ein Beispiel aus der geographischen Raumforschung verdeutlicht dies: Auf den Äußeren Hebriden, einer schottischen Inselgruppe, hat sich die Bevölkerung in den 1990er Jahren, nach kontroverser Debatte, gegen einen „Super-Steinbruch“ zur Gewinnung von Straßenbaumaterial entschieden; ebenso wurde der Bau eines gigantischen Windparks verworfen. Die Schönheit der Landschaft und deren Wert für die Wahrung von Lebensqualität und kultureller Identität wurden wichtiger erachtet als die Aussicht auf schnellen Profit. Andere Entwicklungsprojekte traten an die Stelle der ursprünglichen Pläne: Kleinteilige, behutsam implementierte Initiativen in Landwirtschaft, Fischerei, Tourismus usw., die von der Bevölkerung getragen werden und neue Werte schöpfen (in Form von Arbeitsplätzen und Einkommen) ohne vorhandene zu gefährden oder zu zerstören. Praktizierte Nachhaltigkeit konkret!

Barthel Pester
Wer weiter denkt, kauft näher ein
Der Einkaufskompass KOSTBAR ist im fünften Jahr eine gut vernetzte Eigenbewegung. Der Wandel zum Weniger verhilft den Nutzer_innen von KOSTBAR zu einem Mehr an Angeboten eines nachhaltigen Lebensstils in Oldenburg und umzu. Stadt und Land sind in KOSTBAR zusammen unterwegs auf der notwendigen Suche nach dem Lebensstil, der die Erde schont: Der Verbrauch fossiler Energieträger sinkt, Konsument_innen stärken ihre regionale Wirtschaft und bauen die örtliche Nahrungsmittelproduktion auf. Unternehmen und Verbraucher_innen eint das Interesse ökonomischer Widerstandskraft im Rahmen der regionalen Wertschöpfungskette. „Nebenbei“ wird das Ziel eines möglichst kleinen CO²-Fußabdrucks erreicht. Die Wegwerfgesellschaft wandelt sich in ein solidarisches Wirtschaften, das auch kulturell z.B. in Repair Cafés seinen Ausdruck findet: Finden wir die Poesie in der Arbeit!

Prof. Dr. Helge Peukert
"Die faustische Kultur war … im stärksten Maße auf Ausdehnung gerichtet, sei sie politischer, wirtschaftlicher oder geistiger Natur; sie überwand alle geographisch-stofflichen Schranken; sie suchte ohne jeden praktischen Zweck, nur um des Symbols willen, Nord- und Südpol zu erreichen; sie hat zuletzt die Erdoberfläche in ein einziges Kolonialgebiet und Wirtschaftssystem verwandelt.“ So charakterisierte Oswald Spengler in Der Untergang des Abendlandes (Albatros 2011/EA 1923, S. 432) die abendländische, heute weltweite Zivilisation. Kopernikus, Kolumbus, Napoleon, die Hohenstaufer, der Kapitalismus und Sozialismus, bis zur Eroberung des Weltraums dreht sich die innerweltliche Zielstrebigkeit auf unendliche Ausdehnung und Augenblicks- und Naturüberwindung. Das ist das nicht hintergehbare, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur prägende Ursymbol, das wie die anderen Seelenausdrücke der Ägypter, Inkas u.a. auf die „Sinngebung des Sinnlosen“ (Theodor Lessing) des uns sonst chaotisch erscheinenden Kosmos angesichts des Wissens um den Tod (K. Wilber) zielt. Ist WertSchöpfung und eine kulturelle Kehre heute überhaupt möglich ohne eine völlig andere Kosmologie und Ontologie im Sinne A.N. Whiteheads (Process and Reality, 1929)?

Prof. Dr. Reinhard Pfriem
Die in der Geschichte der modernen theoretischen Ökonomik ausgetragenen Kontroversen über objektive und subjektive Wertlehre hatten einen gemeinsamen Nenner: die Idee, menschliche Wohlfahrt mit der Ausstattung an materiellen Gütern (und Dienstleistungen) gleichsetzen zu können. Diese Idee war und ist von Grund auf irreführend – aufgrund ihrer performativen Kraft seit zwei Jahrhunderten reichlich verheerend. Die zerstörerischen Wirkungen dieser Gleichsetzung potenzieren sich durch den anthropozentrischen Wesenszug des dominierenden ökonomischen Denkens, angefangen von den Tieren nichtmenschliche Natur bloß als Sack von Ressourcen für menschliche Zwecke zu betrachten und zu behandeln. Zum Bruttosozialprodukt alternative Wohlstandsmessungen sind dann hilfreich, wenn sie einer nachhaltigen Kehre beihelfen: dazu, dass der Sinn des Lebens das gute Leben selber ist.

Prof. Dr. Wolfgang Sachs
Brand in den Textilfabriken in Bangladesh, Schmelzen des Westantarktischen Eisschilds, der Niedergang der Buchhändler – wir wissen nicht, ob wir in den Zeiten der massiven Wertschöpfung oder der massiven Wertvernichtung leben. Diese tragische Ungewißheit haben uns bereits die klassischen Ökonomen eingebrockt. Denn „Wealth“ heißt bei ihnen gerade nicht, was es im kolloquialen Wortsinn bedeutet, ein Patrimonium an Natur, an baulicher und technischer Infrastruktur wie an Kulturleistungen, sondern „Wealth“ für sie ist nur das jährliche Einkommen eines Landes. Damit sind wir in der Welt der „flows“ angekommen und nicht mehr in der Welt der „stocks“ (Orio Giarini). Doch ist ein Konzept des Wohlstands als Bestand nötig, um die Wertevernichtung anzuzeigen. Ein kategorialer Fehler, der uns in den Abgrund bringen kann.

Prof. Dr. Uwe Schneidewind
Wer oder was treibt die kulturelle Kehre zu einer anderen Wertschöpfung? oder: Ist die kulturelle Kehre mehr als Utopie?
Nicht nur in entwickelten Industriegesellschaften entsteht in den letzten Jahren ein erheblich erweitertes Verständnis von Wertschöpfung. Nach Jahrzehnten der Dominanz eines auf ökonomisch-materiellen Wachstum zielenden Wohlstandsbegriffes weitet sich dieses unter Konzepten wie "Better Life" (OECD), "Buen vivir" (Südamerika) oder "National Happiness" (Bhutan) auf. Eine erweiterte Vorstellung von gutem Leben manifestiert sich dabei nicht nur als individuelle Orientierung, wie wir sie in religiösen und philosophischen Texten fast aller Weltkulturen seit tausenden von Jahren finden können, sondern als kollektiver Kompass für die ökonomische und gesellschaftliche Entwicklung von Städten, Regionen und Weltregionen. So lautet zumindest die Hoffnung der Postwachstums- oder "großen Transformations"-Bewegten.
Doch ist das so? Wer oder was treibt diese kulturelle Kehre? Haben die aktuell beobachtbaren Prozesse das Potenzial sich auszuweiten und sich zu stabilisieren, um eine wirkliche kulturelle Kehre zu begründen? Wie muss eine Wissenschaft und Forschung konzipiert sein, die sich diesen Fragen nähert?
Die Annäherung an diese Fragen kann über folgende drei Thesen erfolgen:
1. Die kulturelle Kehre zu einer neuen Wertschöpfung ist zu allererst eine Hoffnung. Hoffnung sei dabei in Anlehnung an Vaclav Havel nicht als Überzeugung verstanden, dass etwas gut ausgehe, sondern die Gewissheit, dass etwas einen Sinn habe, egal wie es ausgeht. Die Auseinandersetzung mit der kulturellen Kehre zu neuen Formen der Wertschöpfung hat damit einen klaren normativen Standpunkt. Sie geht vom Wünschenswerten dieser kulturellen Kehre aus. Dies hat auch Rückwirkungen auf die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema.
2. Forschung zur kulturellen Kehre für eine neue Wertschöpfung ist transformativ.
Um die Transformationsprozesse zu einer neuen Wertschöpfung besser zu verstehen, muss Wissenschaft in sie eintauchen, sie verstärken und katalysieren. Transformationsprozesse in modernen Gesellschaften sind reflexiv geleitete gesellschaftliche Veränderungsprozesse. Wissenschaftliche Reflexion ist daher in diese Prozesse eingebettet und befördert die Entstehung sowie das Zusammenspiel von System-, Ziel- und Transformationswissen zu einer neuen Wertschöpfung.
3. Reallabore und Realexperimente sind der methodische Modus für eine solche Forschung zur kulturellen Wende
Sie beschreiben eine transdisziplinäre Forschung, in der Akteure zusammen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern neue Forschung der Wertschöpfung definieren und Pfade dorthin im reflexiven Modus ergründen.

Max Schön
Eine Veränderung von Wertefragen beim Wirtschaften braucht eine neue Erzählung
Wenn wir das wirtschaftliche Denken und Handeln der wirtschaftlich handelnden Menschen beeinflussen wollen, dann braucht es neben einer neuen Wissenschaftlichen Grundlage und Begründung für ein „NEUES, ZUKUNFTORIENTIERTES WIRTSCHAFTEN“ auch neuer WERTE, die sie begründen.
Doch dies alleine reicht nicht aus.
Neben den Werten bedarf es einer nachvollziehbaren und mitreißenden Erzählung., denn nichts bewegt die Menschen mehr und verbreitet sich schneller und gründlicher als eine wirklich GUTE GESCHICHTE. Sie muss die Fragen beantworten:
- Warum müssen wir uns ändern?
- Wohin soll die NEUE WIRTSCHAFTSWEISE führen? Was ist das Ziel?
- Was wird sich ändern?
- Wie kann ich mitwirken?
- Warum lohnt es sich für mich und für uns alle, den neuen Weg zu gehen - und damit die Beschwernisse der Veränderungen auf mich/uns zu nehmen?
Welches sind unsere neuen WERTE in unserer Zukunft? Und wie sieht unsere neue Geschichte aus?

Prof. Dr. Reinhard Schulz
Wert und Erfahrung
Alfred North Whitehead sprach von einem „zivilisierten Universum“, in dem die Basis der Demokratie in einer gemeinsamen Wertfahrung zu finden sei, die sich in dem Satz manifestiere: „Paß gut darauf auf, hier ist etwas, das wichtig ist“. Eine hegemoniale Expertenkultur hat sich heutzutage mit Hilfe von Mathematisierung, Spezialisierung und Ökonomisierung von einer qualifizierenden und verstehenden Werterfahrung immer mehr entfremdet. „Der Verfall der Menschheit unterscheidet sich von ihrem Aufstieg durch die Herrschaft kühler Abstraktionen, die von einem ästhetischen Inhalt völlig abgelöst sind.“
Von Whiteheads Modes of Thought (1938) führt ein direkter Weg zu einer der Forderungen aus Das konvivialistische Manifest (transcript 2014, 72): „Über die „rationalen Entscheidungen“ hinaus die Mobilisierung der Affekte und Leidenschaften. Ohne sie geht nichts. Weder das Schlimmste noch das Beste. […] Das Beste ist der Wunsch, weltweit wirklich demokratische, zivilisierte und konvivialistische Gesellschaften zu errichten.“
Ich nehme damit einen 2012 bei den Klimagesprächen über Ivan Illichs Tools for Conviviality (1973) ins Spiel gebrachten Gedanken wieder auf, um ihn sowohl im Hinblick auf Whiteheads Werterfahrung wie auch der Suche nach dem Wertvollsten, durch welche das in Frankreich entstandene und inzwischen auch von vielen deutschen Wissenschaftlern unterschriebene „konvivialistische Manifest“ geprägt ist, zu erweitern.

Prof. Dr. Daniel Speich Chassé
Die moderne Wirtschaftspolitik ist ganz auf nationale Statistiken ausgerichtet und hat eine globale Imagination des Fortschritts begründet. Ökologische Kosten und wirtschaftlicher Nutzen scheinen die zwei Kehrseiten einer Medaille zu sein. Ich möchte diese Logik mit meiner historischen Forschung aufbrechen.
Seit Colin Clark die statistische Berechnung von nationalen Volkseinkommen 1940 einführte, gibt es eine fundamentale Kritik an dieser Abstraktion. Aber der Fetisch des standardberechneten Bruttosozialprodukts blieb in Kraft und gewann durch die Digitalisierung der globalen politischen Kommunikation noch an Fahrt. Meine erste These lautet: Der statistische Fetisch „Wachstum“ war erfolgreich, weil er nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs neue Handlungsmöglichkeiten für geschundene Nationen eröffnete, indem er die kulturelle, soziale und ökologische Komplexität des wirtschaftlichen Wandels auf nationale Ziele reduzierte. Die Kritik an der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist gleich alt wie die statistische Blickverengung. Obwohl die Kosten des Fortschritts heute nicht mehr bestritten werden, wird weiterhin so getan, als würden die Wachstumsraten des nationalen Bruttosozialprodukts darüber Auskunft geben, ob es uns besser oder schlechter geht. Statistische Reduktionen sind ein wesentliches Element der nationalen und der internationalen Politik geworden, das nicht mehr beseitigt werden kann. Aber wir können an den Kategorien arbeiten. Meine zweite These lautet deshalb: Es braucht einen Wertewandel, der die nationale Wachstumsorientierung beendet, denn die Herausforderungen sind global. Die Wirtschaftsstatistik sollte sich von der Nation als Kategorie verabschieden. Das Bruttosozialprodukt entstammt einer anderen Zeit, die zwar historisch interessant ist, aber kein Zukunftspotenzial enthält.

Prof. Dr. Claus Thomasberger
Das BIP-Wachstum ist keine objektive Tatsache, sondern eine Idee. Ideen aber – und seien sie noch so fiktiv und irreführend – sind, sobald sie zu einem Bestandteil der Kultur werden, eine lebendige Kraft in der Gesellschaft und daher Teil der sozialen Wirklichkeit. Wie sehr der Glaube an das BIP-Wachstum in der westlichen Nachkriegskultur verwurzelt ist, zeigt sich daran, dass die wissenschaftliche Kritik, die Debatte über die sozialen und ökologischen Folgekosten und die Versuche, das BIP durch umfassende Indikatorensätze zu ersetzen, bisher ohne nachhaltige Wirkung geblieben sind. Die Herausforderung besteht in einer grundlegenden Reform des Bewusstseins, die sowohl die Überwindung unserer ‚obsoleten Marktmentalität‘ wie auch der ‚Warenfiktion der Natur‘ (K. Polanyi) beinhaltet. Dazu gehören nicht nur die Neudefinition der wirtschaftspolitischen Zielsetzungen, sondern auch eine kulturelle Transformation, die die Überwindung der irreführenden Anschauung einschließt, nur (markt)wirtschaftliches Wachstum erlaube es, den der modernen, industriellen Zivilisation inhärenten Konflikt zwischen technischem Fortschritt und persönlicher Freiheit zu lösen.

Prof. Dr. Ulrich Witt
Wirtschaftliche Wertschöpfung ist der Niederschlag der Motive und Bedürfnisse derentwegen wir Gegenstände, Zustände, Erlebnisse wertschätzen. Motive und Bedürfnisse sind kulturell erworben und/oder biologisch bedingt. Sie ändern sich u.a. mit Lebensalter, Einkommen, Bildung. Und sie sind formbar (biologische in engeren Grenzen als kulturelle) durch Einsicht, Umweltveränderungen und/oder unter sozialem Druck. Insoweit ist eine „kulturelle Kehre“ in der Wertschöpfung möglich – sofern die komplexe, selbstverstärkende soziale Dynamik multipler kritischer Massen in Gang kommt. Die Wertschöpfung passt sich dann durch den Marktautomatismus an. Davon wird jedoch eine andere Dimension unserer Wertschätzung berührt: unsere Rolle in Spezialisierung und Arbeitsteilung. Wir müssen viel darüber wissen, wie sich die Verteilung von Arbeit, Einkommen, Status und damit von Lebenssinn und Selbstwertgefühl bei einer kulturellen Kehre ändern. Denn gerade davon wird ihre politische Akzeptanz abhängen.

Prof. Dr. Angelika Zahrnt
Meine Perspektive ergibt sich aus den „Perspektiven einer Suffizienzpolitik. Damit gutes Leben einfacher wird“, dem Buch, das Uwe Schneidewind und ich im letzten Jahr veröffentlicht haben. Zentral ist dabei die „kulturelle Kehre“ zu dem richtigen Maß für Raum und Zeit, Besitz und Markt, die bekannten 4 E`s von Wolfgang Sachs - Entflechtung, Entschleunigung, Entrümpelung, Entkommerzialisierung.
Welche staatlichen Maßnahmen können diese kulturelle Kehre unterstützen und beschleunigen? Auf welcher Ebene (Bund, Länder, Kommune) sind erfolgversprechende Ansatzpunkte? In welchen Themenfeldern gibt es einen beginnenden oder schon fortgeschrittenen kulturellen Wandel (Ernährung, Mobilität, Arbeitszeit, Gender, Gesundheit)? Wie gelingt die Ausbreitung von kulturellem Wandel in Nischen? Ist Suffizienz als Business Case eine Chance oder eine Gefahr?
Welche Bedeutung haben Maßnahmen mit hohem Symbolwert? Wieviel Vision und Konkretion braucht eine kulturelle Kehre (Null Flächenverbrauch, Null Verkehrstote, 100% Erneuerbare)?
Inwieweit soll/muss eine Debatte um eine kulturelle Kehre auch die Auswirkungen auf eine wirtschaftliche Kehre – den Abschied vom Wachstumsdogma und Wirtschaftswachstum –thematisieren? Wie kann die „Frage der Ehre“ mit der „Frage nach Markt und Macht“ verbunden werden? Oder wird das Gewicht moralischer Argumente durch ökonomische Folgeabschätzungen und politische Machtanalysen eher geschwächt?

Hans Jürgen Heinecke (Moderation)
WertSchöpfung - eine kulturelle Kehre
Vier mächtige Begriffe auf einen Schlag - wir haben uns viel vorgenommen für die 6. Klimagespräche.
Wertediskussionen als normative Auseinandersetzungen: Welche Werte sind in einer Gemeinschaft handlungsleitend und definieren Handlungspräferenzen? Der ideologische Überbau bildet nicht zwangsläufig diese Präferenzen ab. Die Selbstähnlichkeits-Hypothese (das Große im Kleinen und umgekehrt) muss zumindest hinterfragt werden. Werte verweisen auf individuelle Präferenzen. Was wird als wertvoll empfunden? Was hat Bedeutung? Die präferierten Bewertungsmaßstäbe sind nach meiner Beobachtung: Distinktion, Aufmerksamkeit und Geld.
Schöpfung verweist auf die großen Schöpfungsmythen und die daraus abgeleitete Verantwortlichkeit für die „Schöpfung“. Nüchtern betrachtet ist Wertschöpfung der Mehrwert, der im Rahmen eines Produktionsprozesses generiert wird. Zwei Trends sind kritisch: die stetige Verlängerung der Wertschöpfungskette, bei gleichzeitiger Verringerung der Wertschöpfungstiefe.
Kultur ist erforderlich um Unterschiede herzustellen. Kultur als Ansammlung von Selbstverständnissen, die eine Gemeinschaft von anderen unterscheidet. Folgt man dieser Annahme von Dirk Baecker, dann brauchen wir Kultur, um die eigene Identität zu justieren. Das BIP ist - so betrachtet - kein ökonomisches Rechenmodell, sondern die Verkörperung der Mainstream-Identität.
Kehre bedeutet Richtungswechsel um 180°. Eine kulturelle Kehre ist eine Fundamentalattacke auf die Identität einer Gemeinschaft. Und genau das steht an: eine radikale Veränderung von Identität und Verhaltenspräferenzen, Konsumstil inclusive. An Einsicht und Zielprojektionen fehlt es nicht; aber an Ideen, wie man Menschen für diese Ziele mobilisiert.