Spiekerooger Thesen 2012

Dr. Irene Antoni-Komar
Evidente Paradoxien kennzeichnen die globalisierte Ernährungswirtschaft: Den Hungernden fehlt es an Boden, Wasser und Produktionsmitteln zur Subsistenz aufgrund des Kalküls multi-nationaler, börsennotierter Konzerne, die Tierfutter- und Treibstoffproduktion vorantreiben und deren Kontrolle und Profitgier Saatgutsklaven statt Ernährungssouveräne hervorbringen; Übergewichtige und Adipöse zahlen in einer weltweiten Epidemie (OECD 2010) mit ihrer Gesundheit den Preis eines Agribusiness, das für die Welt im Supermarkt auf globale Rohstoff-märkte und industrielle Produktionssysteme mit katastrophaler Klimabilanz und fehlender ethischer Perspektive setzt; 56% Verluste (UNEP 2009) gehen auf das Konto der universalen Standardisierung von Lebensmitteln in komplexen und riskanten Wertschöpfungsnetzen. Im Kontrast dazu gelangen alimentäre Praktiken in den Blick, die Strategien der lokalen Vielfalt, der Gerechtigkeit und Biodiversität verbinden mit neuen Erfahrungen von gelingender (Eigen-) Produktion und Achtsamkeit gegenüber der Natur sowie dem eigenen Wohlbefinden. Aus handwerklichem/manufakturellem Können der Erzeugung und Verarbeitung gedeihen in atmosphärisch dichten Gemeinschaften neue Impulse für Lebensentwürfe, in denen die Erfordernisse der Transformation zu einer diversifizierten, widerstandsfähigen Ernährungskultur in regionaler Identität praktiziert werden.

Frank Becker
Reuse – ein Beitrag zur „Großen Transformation“
Wieder- und Weiterverwendung (Reuse) sind zentrale Elemente; Gegens­tand wie Voraussetzung für Ressourcenschutz (Natur: seltene Erden und Mensch: FOXX­CON), Selbstermächtigung des Menschen und Klimaentlastung. Sie beinhalten die je eigene Fähigkeit etwas reparieren zu können oder z.B. kompostieren zu können um daraus Nahrungsmittel zu erzeugen. Reuse betreibt im Kern eine Entschleunigung der Ökonomie und die Wiederaneig­nung der Güter / Artefakte. Reuse hat die Qualität tätiger Friedensstiftung – sowohl zwischen den Menschen als auch zwischen Mensch und Natur. In der vorherrschen­den Verschleiß-Ökonomie ist Reuse jedoch „unwirt­schaftlich“. Ohne veränderten Rahmen bleibt Reuse eine Vorbereitung auf die Zeit „nach der Flut“; eine Nische für Super-Greenies und Selbstausbeutung.

Dr. Martin Birke
Wendezeiten sind nicht nur Zeiten des Vor- und Rückblicks, sondern auch Zeiten der Selbstbeobachtung, und Selbstreflexion. Jetzt, da das Nachhaltigkeitskonzept aktueller und gleichzeitig realisierungsbedürftiger denn je ist, sollte auch seitens seiner Protagonisten Zeit für reflexive Vergewisserung sein. „Berichte schreiben, Projekte machen, über Wachstum diskutieren – das ist alles natürlich gut und richtig. Aber der Knoten platzt so nicht“ (Günther Bachmann, Generalsektretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung). Sehen wir genau genug hin, um die Erfolge wie Defizite bisheriger Nachhaltigkeits- und Klimapolitik, ihre Stärken wie ihre Schwächen hinlänglich zu verstehen und zu nutzen? Reicht unser Analyse- und Wissensrepertoire, um z.B. dem „green washing“ mit einer Hart-aber-Fair-Diskussion begegnen oder dem „mainstreaming“ der Nachhaltigkeits- und Klimapolitik wirksame Orientierung bieten zu können?

Davide Brocchi
Eine „Große Transformation“ wird in den nächsten Jahren/Jahrzehnten sowieso stattfinden. Die einzigen Fragen sind: (a) Werden wir die „Große Transformation“ selbst gestalten und antizipieren oder ihr zu Opfer fallen bzw. auf die Not reagieren? (b) Wird die „Große Transformation“ eine kulturelle und gemeinsame sein – oder soziale Polarisierungen verschärfen bzw. durch Konflikte entstehen?
Dabei ist die soziale Ungleichheit (in der Verteilung von Macht, Ressourcen, Bildung…) eine zentrale Variabel. Die Gemeinschaft und das Vertrauen, die für eine gemeinsame Gestaltung der Großen Transformation und für die nachhaltige Bewirtschaftung der Allmende notwendig sind, können nicht bei UN-Konferenzen, nicht auf dem globalisierten Weltmarkt, nicht durch die Massenmedien und nicht in der virtuellen Welt entstehen, sondern dort wo sich Menschen im Alltag begegnen: im Lokalen. Mit diesem Ansatz hat sich in Köln eine lokale vielfältige Bewegung gebildet, die eine „Transformation der Stadt“ in Richtung postfossile Gesellschaft vorantreiben will. Der erste Schritt: Die Einführung eines „Tags des guten Lebens“ (Buen Vivir). Zu dieser lokalen „neuen Allianz“ gehören bisher 50 Organisationen, u.a. Umweltorganisationen, Theater, Bürgerinitiativen, Unternehmen…

Dr. Klaus Burmeister
Genügend Kraft für die Große Transformation?
Ich weiß es nicht! Liest man als geneigter Zeitgenosse die 448 Seiten des WBGU dazu, entfaltet sich dort ein ganzer Kosmos von Erfahrungen, Einsichten und Haltungen kritischer Generationen von Wissenschaftlern. Es geht um viel. Es geht um die Rettung der Zivilisation. Es geht darum, dem Klimawandel etwas entgegenzustellen. Es geht um eine im Besten Sinne aufklärerische Haltung, die versucht, alle Akteure im globalen Maßstab für die große Transformation zu vereinen. Mir wird da ganz schwummrig vor Augen. Ja, es muss sich etwas ändern. Wir benötigen den langfristigen Blick. Wir müssen beständig weiterdenken, unsere Praxis reflektieren und unser Handlungsrepertoire ständig erweitern und anpassen. Ja und doch habe ich mehr Fragen als Antworten. Wie schaffe ich, es den Bogen zu schlagen, der meine Alltagserfahrungen (in Unternehmen) verbindet mit der großen Transformation? Welchen Part spielen wir, können wir (überhaupt) in diesem weltgeschichtlichen Transformationsprozess spielen? Geht es „nur“ um es die Einhaltung des 2-Grad-Zieles oder um eine global gerechte Verteilung von Ressourcen und Lebenschancen? Oder geht es auch darum, den Menschen angesichts der Fortschritte in Wissenschaft und Technik noch eine „vernünftige“ Rolle zuzuweisen? Böse gedacht, ließe sich in 2050 sicher auch ein Supercomputer konstruieren, der den „Masterplan“ für die große Transformation permanent global überwacht damit alle ausgeklügelten Klima- und Nachhaltigkeitsziele je nach Stand der Technik eingehalten und zwischen den Ländern und Regionen austariert werden. Ich frage mich eben auch, haben wir, können wir wirklich alles langfristig im Blick haben? Was ist mit Wild Cards? Was wäre, wenn die Enkel-Generation ganz anders denkt und leben will wie wir es uns heute denken? Wie gelingt es uns, auch dissidente Meinungen und Sichtweisen mit der notwendigen kritischen Reflektion und Offenheit immer mitzu(be)denken?

Prof. Dr. Rainer Danielzyk
Der angelsächsische Diskurs zur Stadt- und Regionalentwicklung wird von einer eindrucksvollen Konfrontation zwischen einem extrem neoliberalen Staatsverständnis und der Hoffnung auf die Kraft des informellen Sektors und der Zivilgesellschaft bestimmt. Das hilft für die Situation in Mitteleuropa nicht weiter. Die Krisen der letzten Jahre haben hier gezeigt, wie notwendig eine regulierende Kraft der Staaten auf der Makroebene ist. Deren Leistungs- und insbesondere Differenzierungsfähigkeit ist aber in jedem Falle begrenzt. Die wünschenswerte gemeinsame Gestaltung des Wandels durch zivilgesellschaftliche Initiativen und staatliches Handeln ist nicht recht absehbar, zumal gegenwärtig fast jede Veränderung – und sei es ein KiTa-Neubau! – aus dem Wutbürger-Gestus bekämpft wird. Gelingende Transformation ist so noch nicht in Sicht.

Prof. Dr. Georg Franck
Meine persönliche These für die Spiekerooger Klimagespräche gilt dem Versuch einer Wiederbelebung des Städtebaus als der Kunst, im Ensemble die Innenwände von Außenräumen zu gestalten. Diese Kunst lebte, solange es zum Metier des Architekten gehörte zu wissen, wie sich die Architektur in der Gesellschaft anderer Architekturen zu verhalten hat, damit als Gemeinschaftsleistung die Produktion des Guts "gute Adresse" funktioniert. Diese Kunst ist buchstäblich verschwunden, seitdem diese Umgangsform als konventionell und konformistisch denunziert wurde. Es ist hoffnungslos, Umgangsformen als Konventionen wiederbeleben zu wollen. Es ist aber gar nicht hoffnungslos, nach Alternativen zu suchen, wenn man bedenkt, dass die Gemeinschaftsproduktion der Anlieger auch als Allmende beschrieben werden kann. Eine Allmende kann man neu gründen. Hinzu kommt, dass der Commons-Gedanke durch erstens die 'free software production' und zweitens die grundlegende Arbeit Elinor Ostroms (Nobelpreis Ökonomie 2009 )neue Aktualität erfahren hat. Was ich vorstellen werde, ist das Konzept 'urban commons' als eines neuen Zugangs zur Gestaltung von Außenräumen als 'peer-to-peer architecture'.

Prof. Dr. Bernward Gesang
Haben wir in unseren „westlichen Demokratien“ überhaupt die richtigen Institutionen, um globale ökologische Probleme lösen zu können? Wenn politische Entscheidungen, die Mehrheiten Opfer auferlegen, zu politischem Machtverlust führen, sind die Anreize für die Politiker gesetzt: Entscheidungen werden honoriert, die kurzfristig national für sichtbare Verbesserungen sorgen. Genau das sind auch die Entscheidungen, die der Wähler meistens wünscht, denn sie verbessern seine Lage sofort. Langfristige Prozesse wie der Klimawandel, durch den es irreversible Schädigungen geben kann, sind so kaum aufzuhalten. Brauchen wir neue Institutionen, z.B. unter Beteiligung von Ombudspersonen, welche die Interessen zukünftiger Generationen repräsentieren oder in Form von „Zukunftsräten“, die in den Gesetzgebungsprozess eingreifen können?

Beate Hankemeier
Die Globale Transformation erfordert Kraft ausgetretene Wege zu verlassen und neue Wege hin zu nachhaltiger Entwicklung einzuschlagen. Gleichzeitig ist dieser Wandel unabdingbar und zwingend notwendig - wir müssen die Herausforderung annehmen und uns aufmachen! Neben der Frage nach genügend Kraft drängt sich somit eher die Frage in den Vordergrund, wie man auf diesem schwierigen Weg bisher ungeahnte Kräfte nutzen oder Kraft sparen kann. Neue Energien werden freigesetzt, indem man zulässt Dinge zu denken, die auf den ersten Blick noch etwas verrückt und unrealistisch erscheinen. Dies ist insbesondere möglich, wenn sich Menschen mit unterschiedlichen Ideen und Hintergründen austauschen. Wir brauchen demnach einen Dialog auf Augenhöhe und eine wirkliche Annäherung zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft sowie Kunst und Kultur. Was gibt einem ansonsten noch Kraft und Motivation auf einem schwierigen Weg? Anstatt sich auf die negativen Auswirkungen des globalen Wandels und Verzicht zu konzentrieren, sollten positive Aspekte einer Transformation und Bereicherung (z. B an Lebensqualität und Wohlbefinden) in den Vordergrund gerückt werden. Neben dem Rationalen brauchen wir auch diese emotionale Ebene, um bisher ungenutzte Kräfte freizusetzen und genügend Kraft für den vor uns liegenden Weg aufzubringen.

Prof. Dr. Ludger Heidbrink
Ein wesentlicher Treiber der Nachhaltigkeitsentwicklungen ist der Konsum. Über 50 Prozent der Konsumenten geben an, das sie nachhaltigen Konsum für wichtig halten, aber nur etwa 10 Prozent setzen ihre Einstellungen im Alltag um. Angesichts dieses anhaltenden Mind-Behaviour-Gap sind veränderte Instrumente und Strategien nötig, um die Konsumenten zu einer wirksamen Akteursgruppe zu machen. Da auch Unternehmen zunehmend auf den Trend des nachhaltigen Konsums reagieren, eröffnet sich ein innovatives Feld der Kooperation von Produzenten und Konsumenten. Verbraucher sollten deshalb nicht nur im Alltag – durch eine entsprechende Verbraucherpolitik und intelligente Handlungsanstöße – stärker darin unterstützt werden, ihre nachhaltigen Einstellungen umzusetzen. Für die Zukunft relevant sind auch Strategien der Consumer Social Responsibility (ConSR), durch die Konsumenten verstärkt die Rolle gesellschaftlich verantwortlicher Akteure übernehmen.

Hans-Jürgen Heinecke
In meinem Arbeitsfeld fehlt selbst die Kraft für kleinere Transformationen, geschweige denn für die ganz Große! Verzagtheit, Risikoaversion und Absicherungsmentalität sind in den Managementteams zu beobachten. Mit einem Auge wird auf die eigene Vertragsverlängerung geschaut, mit dem Anderen auf kurzfristige Erträge. Der große Wurf findet definitiv nicht statt. Ich sehe 4 zentrale Themen, damit Kraft für die große Transformation entsteht: Das (Selbst)Vertrauen in die eigene Urteilsfähigkeit zurückgewinnen, weil das ökologische Bewusstsein des einzelnen Entscheidungsträgers stärker ausgeprägt ist, als das von Teams. „Gemeinsam sind wir blöd!“ (F. Simon) Die Kompetenz, Risikofolgen abzuschätzen ist bei Entscheidern schwach ausgeprägt. Experten dominieren den Entscheidungsprozess. Die Identität - der innere Kompass - ist immer noch zu stark auf materiellen Besitz geeicht. Fromms alte Frage nach dem Haben oder Sein lässt grüßen. Und ein wirklich attraktives Zukunftsbild fehlt. Verzichts-Apologetik erschreckt nur die Menschen. Lust auf die Zukunft macht sie nicht.

Prof. Dr. Martina Heßler
These für sozial und ökologisch gerichtete Technikentwicklung und -gestaltung

Die Frage, welche Technik wir wie entwickeln und nutzen, ist zentral für eine sozial und ökologische nachhaltige Lebensweise. Derzeitige Technik zielt auf Wachstum, Individualisierung und das Ersetzen von Menschen. Statt dessen:

1. Technik als Common
Technik als Common richtet sich gegen den privatisierten und individualisierten Technikgebrauch. Stattdessen wäre Technik gemeinsam zu nutzen (nicht nur Car Sharing!). Damit einher ginge ein achtsamer Umgang mit Dingen und dem Anderen sowie eine Stärkung gemeinschaftlicher Lebensweisen. Verbindliche, nicht-virtuelle Sozialität würde durch Techniknutzung hergestellt und nicht ersetzt.

2. Verhakung der Technik in der Natur (Ernst Bloch)
Im Sinne Ernst Blochs Rede von der „Verhakung“ wäre die Grenze der Technisierung von der „Natur“ her zu denken: energie-, ressourcen- und materialsparende Technik, die langlebig, reparier- und recyclebar und für gemeinsame Nutzungen geeignet ist.

3. Nicht-Prometheische Technik (Günther Anders)
Das „prometheische Gefälle“ bezeichnet die Kluft zwischen dem, was wir herstellen und dem was wir verwenden und bedürfen können. Technik sprengt in ihrer heutigen Komplexität und Omnipräsenz vielfach das menschliche Maß. Demgegenüber brauchen wir eine weniger komplexere und einfachere Technik (vom „Überfeaturing“ von z.B. Handys bis zu Atomkraft-Werken, die menschliche Zeitmaße überschreiten) sowie vor allem: weniger Technik.

Thomas Korbun
folgt

Dr. Kora Kristof
Genügend Kraft für die Große Transformation? Ja, wenn wir uns an den zentralen Punkten weiterentwickeln und uns fokussieren …..
Ressourcenleicht, immissionsneutral und (ökologisch) gerecht – das sind die Ziele der anstehenden großen Veränderungen, wenn wir die Belastungsgrenzen des Systems Erde, das Wohlergehen aller Menschen und die Idee einer globalen und generationenübergreifenden Gerechtigkeit ernst nehmen.
In den Nischen wachsen schon heute viele interessante Nachhaltigkeitslösungen. Mainstream werden sie aber nur, wenn die Nachhaltigkeits-Society auch die Herzen und Bäuche der Menschen erreicht, das neue Verhalten so auch im Alltag ankommt und in den Routinen eingebaut wird - sei es beim Konsum, in der Arbeit oder beim Umgang mit und dem Anlegen von Geld.
Es geht um die im Gesamtsystem zentralen Hebel, an denen wir stellen müssen, um die richtigen Rahmenbedingungen zu fördern. Und dann kann die Vielfalt blühen!

Prof. Dr. Marco Lehmann-Waffenschmidt
Spätestens seit Polanyi‘s Werk „The Great Transformation“ aus den 1940er Jahren hat der Begriff der „Transformation“ für Prozesse des Wandels im gesellschaftlichen Bereich Karriere gemacht, mit einer Neuauflage ab 1990 durch die ökonomische und gesellschaftliche Transformation der post-sozialistischen Länder Mittel- und Osteuropas sowie der ehemaligen Sowjetrepubliken. Der Begriff „Transformation“ ist daher schon wegen seiner etymologischen Vergangenheit unbestreitbar das richtige Signum für den Prozeß der anstehenden ökonomischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu Nachhaltigkeit, wobei die Bestimmung des Nachhaltigkeitsbegriffs spätestens seit 2008 um die Dimension der finanziellen Nachhaltigkeit gewachsen ist. Strategische Wachstumsbegrenzungen von Unternehmen und eine verstärkte Regionalisierung von Wertschöpfungskreisläufen sind offensichtlich zwei ganz wesentliche und spannende Beispiele für bereits angelaufene Transformationsbewegungen in diese Richtung, über die in Spiekeroog 2012 zu diskutieren sein wird.

Prof. Dr. Ingo Mose
Im Zuge des regionalwissenschaftlichen und –politischen Diskurses ist es seit den späten 1970er Jahren zu einer sukzessiven Aufwertung der „regionalen Ebene“ gekommen. War diese anfangs durch alternative Konzepte einer „eigenständigen Regionalentwicklung“ oder „endogenen Erneuerung“ und durch ein holistisches Verständnis regionaler Entwicklungsprozesse bestimmt, hat sich diese Perspektive auffällig verschoben. „Region“ ist heute Bestandteil des regionalpolitischen Mainstream und harmoniert weitgehend problemlos mit neo-liberalen Konzepten der Regionalentwicklung. Im sog. „Wettbewerb der Regionen“ kommt dieses auf prominente Weise zum Ausdruck. Die Bewältigung der Herausforderungen, die mit der „Großen Transformation“ einhergehen, bedarf indes eines anderen Zugangs, der auf die historischen Wurzeln der Regionsdebatte zurückgreift und diese zugleich den heutigen Erfordernissen anpasst: Als überschaubare territoriale Einheiten „mittlerer Größe“ können Regionen einen passenden Rahmen für die Beförderung und Gestaltung erweiterter Partizipation, Achtsamkeit und Verantwortung der gesellschaftlichen Akteure bieten – und damit mehr als nur die Kulisse eines primär wachstumsorientierten Standortwettbewerbs. Regionen wären damit idealerweise Orte der Kommunikation innovativer Ideen, des gemeinsamen Lernens und der Erprobung neuer Praktiken, die sich der Vorstellung eines „rechten Maßes“ im Sinne von Kooperationsbereitschaft, Selbstbegrenzung, Entschleunigung, Sparsamkeit, Konsumbeschränkung etc. verpflichtet fühlen. Solche Regionen, die hierfür als Pioniere agieren, bedürfen der gezielten Unterstützung seitens eines „gestaltenden Staates“.

Dr. Christa Müller
Zum transformatorischen Potenzial von Subsistenz und Urban Gardening
Die Bedeutung von Urban Gardening, Guerilla Knitting, Upcycling und Selbermachen liegt in der Aneignung und Umdefinierung von öffentlichen Räumen zur Einübung einer Logik, die nicht auf Verwertung, sondern auf Subsistenz ausgerichtet ist. Hier geht es um ein anderes Vergesellschaftungsmodell. Autonomie bedeutet für diese Bewegung nicht, hohe Löhne zu erzielen, um sich die lebensnotwendigen Dinge kaufen zu können, sondern Wissen, handwerkliches Können und soziale Netzwerke zu teilen, um mit weniger materiellen Ressourcen, dafür aber nach eigenen Vorstellungen ein Mehr an Lebensqualität zu erreichen. Urban Gardening arbeitet mit einer Politik der Zeichen und schafft neue Bilder von Stadt, die man so noch nie gesehen hat, die kein Planer entworfen hat. Sie entstehen in einem Prozess kollektiver Kuratierung. Das ist nicht nur die Neuentdeckung der Allmende, sondern auch die Schaffung von radikal offenen Räumen, die in einer hochgradig nach Klassen und Milieus segregierten Gesellschaft Begegnung auf Augenhöhe ermöglicht. Nicht nur zwischen Menschen, sondern auch für den Mensch-Natur sowie den Mensch-Dinge-Dialog. So entsteht eine Kreativität, die der Kapitalismus nicht ohne Weiteres verwerten kann.

Prof. Dr. Niko Paech
Die politischen Organe moderner Konsumgesellschaften agieren nicht, sondern reagieren; sie eilen einem nötigen Kulturwandel zum Weniger niemals voraus, sondern bestenfalls hinterher. Und weil sie sich darin seit 40 Jahren üben, sind sie an allen Abzweigungen in Richtung Nachhaltigkeit vorbeigerauscht. Jetzt geht es nicht mehr um die Vermeidung des Kollapses, sondern um seine Gestaltung. Das sind gute Voraussetzungen dafür, die europäische Wachstumsdiktatur zu überwinden. Drei Ansatzpunkte können für diese schicksalhaft oktroyierte, also reaktive Transformation hilfreich sein: (1) Moderne Subsistenz, (2) Prosumentenmanagement und (3) Konzepte einer vorsorglichen Postkollapspädagogik.

Dr. Gerhard Prätorius
„Nachhaltigkeit als ‚Kehre‘ – angesichts der ökologischen und sozialen Verwerfungen ist diese Einschätzung nur zu einsichtig. Aber es wird nun einmal – zumal weltweit – nicht ohne ökonomische Entwicklung (vulgo: Wachstum) gehen, sollten auch nur einigermaßen faire Beteiligungschancen auf dem Globus erreicht werden. Die maßgeblichen Triebkräfte für einen Strukturwandel sind Arbeitsteilung und in der Folge Innovationen (vulgo: technischer Fortschritt). Die geschichtliche Erfahrung legt nahe, dass ohne einen hinreichenden Wettbewerb diese Kräfte nur unzureichend entfaltet werden. Leider lassen die – notwendigen – Alternativen zu den vorherrschenden Wachstumskonzepten die Auseinandersetzung gerade mit diesem Zusammenhang vermissen. Eine ‚strategische Wachstumsbegrenzung‘ von Unternehmen ist in einem Wettbewerbssystem ein Widerspruch in sich (das gilt für den grundlegenden Funktionsmechanismus, eine Einzelentscheidung ist immer abweichend davon möglich).“

Prof. Dr. Reinhard Pfriem
„Diese Welt wird nicht von der Atombombe zerstört werden, wie uns die Zeitungen weismachen wollen, sondern sie wird sich totlachen, wird an Banalität zugrunde gehen, weil sie aus allem einen Witz macht, einen schlechten noch dazu.“ (Carlos Ruiz Zafón, Der Schatten des Windes)
Ob sich genügend Kraft entwickelt für die Große Transformation, hängt wesentlich davon ab, ob die kritische Masse derjenigen groß genug ist (werden wird!), die sich – lustvoll, fröhlich und vergnügt – den ernsten Dingen des Lebens zuwenden. So lange zu vielen der nächste Sieg von Werder Bremen wichtiger ist als der Klimawandel oder die eigene Veröffentlichung im A-Journal wichtiger, als dass die eigene Wissenschaft dazu beiträgt, die Welt besser zu machen, wird das nicht funktionieren. Und es bedürfte einer neuen Qualität von Gemeinschaftsgeist, nachdem sich seit Beginn des Kapitalismus alle emanzipatorischen Bewegungen dermaßen heftig selber zerlegt haben.

Thomas Rau
Guided by the future

Es geht nicht um Ökostrom, grüne Dachterrassen oder nachhaltige Zertifikate. Wir müssen lernen zu verstehen, dass wir GAST auf dieser Erde sind. Insofern ist Nachhaltigkeit nicht mit Lösungen verbunden, sondern eine Haltungsfrage. Diese Haltung spiegelt sich nicht in Einzelmaßnahmen wieder, sondern in der Formulierung von Zielen, neuen Verdienmodellen und neuen “Spielregeln” für neue Prozesse. Statt den Planeten weiter zu plündern müssen wir wieder lernen zu “säen und zu ernten”!

Ein großes Problem in unseren komplexen Wirtschaftabläufen ist, dass keiner für die Konsequenzen seines Handelns verantwortlich ist bzw. gemacht wird. So kommt es z.B., dass wir unnötig Rohstoffe vergäuden, da niemand für den Verlust haftbar gemacht wird.

Deshalb habe ich Turntoo gegründet. Bei Turntoo geht es um Grundstoffmanagement innerhalb der Kreislaufwirtschaft. Jedes Produkt wird hiermitzur Rohstoffbank.

Dr. Felix Rauschmayer
Kulturelle und systemische Transformationen sind ohne individuelle Transformation nicht erfolgreich. Um aus der Wachstumsfalle, aus alten Konsummustern, aus Geldfixiertheit herauszukommen (sowohl aus ihren systemischen als auch kulturellen Aspekten), müssen wir (muss ich) auch unsere je individuellen Weltsichten und Überzeugungen überwinden. Solange wir die Verwurzelungen des Glaubens an Wachstum, Konsum und Geld ("ist nötig", "macht glücklich", ...) in uns selbst nicht immer wieder (a) erkennen, (b) lösen und (c) ersetzen, verankern sich die alten Vorstellungen in uns immer wieder neu, nämlich in den Momenten der Unachtsamkeit. Haben wir zu dieser Praxis die Kraft? Haben wir die Kraft, zuerst einmal den Glauben hinter uns zu lassen, dass das zur Transformation nicht dazu gehört? Die Angst zu überwinden, hier zu manipulieren oder manipuliert zu werden? Das Vertrauen in uns und die anderen, uns auf Neues und Ungewohntes einzulassen? Insofern brauchen individuelle Transformationen auch passende kulturelle und systemische Rahmenbedingungen…

Andreas Rösing
Aus meiner Sicht wird eine Veränderung nur möglich, wenn uns ständig bewusst ist, was passiert, wenn wir im Beharrungszustand verweilen. Auf unternehmerischer sowie auf persönlicher Ebene.
Wie können wir es schaffen die Folgen des Klimawandels permanent vor Augen zu haben, ohne dabei nur die negativen Aspekte zu fokussieren. Was können wir positives aus der Veränderung erkennen? Welche Vorteile für Unternehmen und die einzelnen, handelnden Personen lassen sich kommunizieren, wenn eine Nachhaltige Strategie verfolgt wird?
Verzicht oder Mangel kann ein Antrieb, jedoch kein Ziel sein, was verfolgt wird.
Welcher Mehrwert entsteht, wenn wir uns dem Klimawandel stellen?

Die Notwendigkeit für eine große Transformation ist, dass bei jedem Einzelnen keine Zweifel mehr bestehen, dass und wie gehandelt werden muss.
Es muss sich ein Automatismus einstellen, der nicht mehr hinterfragt wird.
Zur Beruhigung des ökologischen Gewissens wird heute in fast jedem Haushalt die Mülltrennung in Perfektion betrieben. Wie wäre es, wenn wir eine sinnvolle Tätigkeit als Ersatz finden?

Technisch ist der Klimawandel machbar. Hierzu gibt es innovative Lösungen. Auch genügend Kraft ist vorhanden, wenn die Menschen mobilisiert sind.
Aus meiner Sicht muss die ökonomische Herausforderung gemeistert werden. Hierzu muss auch in breiter Weise eine Akzeptanz und ein Konsens geschaffen werden, dass die jetzt auftretenden Kosten, nur ein Bruchteil der sonst entstehenden Folgekosten sind.

Prof. Dr. Wolfgang Sachs
Wenn die Wirtschaft schrumpfen soll, muss etwas anderes wachsen. Glücklicherweise stellt die rationale Wirtschaft eine Form des Wirtschaftens dar, die andere ist die relationale Wirtschaft, ihr Vorläufer, ungeliebter Zeitgenosse und - vielleicht - ihr Retter. Was ist eine relationale Wirtschaft? Eine Wirtschaft, die nicht nur um Produkte organisiert ist, sondern auch die Beziehungen von Personen in den Mittelpunkt stellt. Der Reigen der relationale Wirtschaft reicht von Vereinen der Tradition wie Sportvereinen und Kirchengemeinden, über Geschäfte klassischer Natur wie Nachbarschaftsläden und Genossenschaften, bis hin zu postmodernen Formen wie Car-Sharing und Bürger-Solaranlagen. Dabei verlieren Konkurrenz und Profit an Gewicht, stattdessen wird Kooperation und sozialer sowie ökologischer Mehrwert großgeschrieben. Genügend Kraft...? Nein. Es ist eher Hoffnung statt Erwartung, eher adventus statt futurum.

Prof. Dr. Ulf Schrader
1. Nicht-Nachhaltigkeit ist attraktiv – das macht die Große Transformation besonders schwierig. Die Vorstellung, dass die moderne Konsum- und Wachstumsgesellschaft die Menschen krank und unzufrieden macht ist unter Nachhaltigkeitswissenschaftlern sehr beliebt. Unvoreingenommene Beobachtung und Ergebnisse der Glücksforschung bestätigen jedoch: Dem Durchschnitts-Wohlstandsbürger geht es in der Regel mit Flugreisen, Pkw, Flachbildfernsehern und anderen „Blödmaschinen“ (Metz/Seeßlen) ziemlich gut.
2. Die Auseinandersetzung, ob nachhaltige Politik oder nachhaltiger Konsum größere Bedeutung haben ist nicht zielführend. Für die Große Transformation wird beides gebraucht – in Kombination mit nachhaltiger Arbeit. Bürger, Konsument und arbeitender Mensch sind unterschiedliche Rollen derselben Person, die sich im Hinblick auf Nachhaltigkeit gegenseitig hemmen oder fördern können.
3. Die Verantwortungsübernahme der Konsumentenbürger wird immer noch von unzureichenden Verbraucherrechten (Wahl-, Informations- und Kommunikationsrecht) begrenzt. Trotz (oder wegen?) Globalisierung und Internet sind das Angebot attraktiver „nachhaltiger“ Waren und Dienstleistungen, verlässlicher und leicht zugänglicher Informationen darüber sowie die aktive dialogische Einbindung von
Konsumenteninteressen eher die Ausnahme als die Regel.
4. Schulen und Bildungsinstitutionen sind unterschätzte Akteure der Großen Transformation. Sie haben am wenigsten zu verlieren.

Jochen Schritt
Was kann Biolandbau und ökologische Ernährung zur Rettung unseres Klimas beitragen?
Ökologischer Landbau im Zusammenhang mit der Entwicklung regionaler Wirtschaftskreisläufe ist eine der wirksamsten und nachhaltigsten Maßnahmen im Umwelt- und Ressourcenschutz.
Ökolandbau leistet wesentliche Beiträge zur Sicherung des globalen Ökosystems:
(Wieder-)Aufbau der Bodenfruchtbarkeit
Biodiversität
Schutz der Stickstoff und Phosphatkreisläufe
Schutz der Umwelt vor chemischen Substanzen
Schonender Süßwasserverbrauch

Biolandbau leistet Klimaschutz, dezentrale Ernährungssicherung unserer Erde und soziale Sicherheit für die Akteure.
Das gilt in Zusammenhang mit regenerativer Energie, ressourcenschonendem Einsatz von Technik, Dezentralisierung und Regionalisierung der Stoffkreisläufe.

Prof. Dr. Reinhard Schulz
Konvivialität und Glaubwürdigkeit
Ivan Illich prüfte 1974 angesichts von Umweltzerstörung, Monopolisierung, Spezialisierung, Professionalisierung und Weltwirtschaftskrise die technischen Werkzeuge und Institutionen des Menschen auf ihre „Konvivialität“, auf ihre „Menschengerechtigkeit“.
Im digitalen Zeitalter unter der Herrschaft des Marktes erscheint Illichs Hoffnung auf eine „politische Umkehr“ zunehmend romantisch, weil Text, Bild, Rede, Kommunikation und damit auch Themen wie Transformation, Subsistenz und Zukunftsfähigkeit digitalisierte Datenbestände geworden sind, die alle gesellschaftlichen Lebensbereiche mit wissenschaftlichem Wissen durchdringen. Gleichzeitig setzen aber Hyperspezialisierung und Innovationswahn die Wissensproduzenten mit dem immer größer werdenden Feld ihres Nichtwissens aus. Die „Wissensgesellschaft“ wird zur Glaubensgemeinschaft, „die ihre Glaubensgrundlage – das Vertrauen in das Wissen der anderen – verloren hat, aber nicht anders kann als sich am zerrütteten Glauben festzuklammern“ (Hirschi) Die Frage nach dem Akteursstatus in Transformationsprozessen stellt sich damit noch einmal neu.

Andrea Vetter
Im Bereich der Technikentwicklung kann ein grundsätzlicher Kurswechsel nur gelingen, wenn wir es schaffen, einen positiven Begriff von gesellschaftlich wünschenswerten Technologien zu entwickeln. Aktuelle großtechnologische Projekte wie Desertec, gigantische Off-Shore-Anlagen oder Geo-Engineering und Biotechnologien bleiben in einer Fortschritts- und Profitlogik gefangen, die die Probleme der Biosphäre verursacht hat. Wir brauchen daher einen Fokus nicht nur auf nachhaltige, sondern auf konviviale Technologien, die neben Effizienz, Suffizienz und Konsistenz auch Kriterien der sozialen Gerechtigkeit, der Auswirkungen auf menschliche Beziehungen und der Autonomie im Gebrauch von Technik berücksichtigen. Anfänge dieser Transformation zeigt sich in der Praxis bereits an vielen Stellen, an denen Gruppen lokal oder auch international vernetzt neue Produktionsweisen (Peer Produktion) ausprobieren: Projekte wie Open Source Ecology , SolarFire , der Verbund Offener Werkstätten oder Permakultur . Jetzt gilt es, diese Keimformen politisch zu unterstützen – auch und gerade im Rahmen der Entwicklung einer solidarischen Postwachstumsökonomie .

Ulrich Walter
„Sinn und Gewinn – ein Unternehmen muss beides produzieren, sonst fällt es aus der Zeit.
 Gewinn erzielen heißt: kaufmännisch vernünftig zu wirtschaften. Sinn erzeugen heißt: Antwort zu geben, was Unternehmen „unternehmen“ wollen, damit der Wandel in eine nachhaltige Wirtschaft gelingt. Drei Themenfelder müssen auf den Haken genommen werden, damit Nachhaltigkeit nicht den PR-Abteilungen dieser Welt vorbehalten bleibt, sondern zum strukturierenden Prinzip des gesamten Unternehmens wird: 1. Das Kerngeschäft muss nachhaltig organisiert werden, vor allem die Materialbeschaffung und der Ressourcenverbrauch. 2. Nachhaltigkeit muss in den Managementsystemen verankert werden. 3. Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden müssen einbezogen werden, damit sie zugleich die Notwendigkeit aber auch Innovationskraft nachhaltigen Wirtschaftens begreifen und mitmachen“.

Gerd Wessling
Genügend Kraft für den Wandel?

In der inzwischen sehr vielfältigen Praxis von alleine über 80 Transition-Initiativen im deutschsprachigen Raum stellen sich den Transition-Aktiven vor Ort ein paar Fragen immer wieder:

- Braucht es das auch noch bei uns; schon wieder eine "neue" Initiative wie Transition?
- Ich bin doch schon in mehreren Gruppen aktiv; jetzt auch noch Energie für Transition finden?
- Mein "Brot-und-Butter" Beruf laugt mich mehr als aus; wie soll ich denn da noch die Kraft für freiwillige Aktionen / Mitarbeit z.B. im Transition-Garten oder bei Projekten finden?

Aber auch:
Wenn wir doch nur ausreichende finanzielle Ressourcen hätten! Dann könnten zumindest einige von uns teilweise für Ihre Projekt-Arbeit bezahlt werden, und würden so eine größere persönliche Nachhaltigkeit für sich stimmiger - oder überhaupt erst - leben können und gleichzeitig den unbezahlten Freiwilligen eine deutlich bessere Struktur & Organisation bieten können.
Ich freue mich darauf, diese sicher auch in vielen anderen, ähnlichen Initiativen sich so stellenden Fragen gemeinsam mit den Anwesenden in Spiekeroog von möglichst vielen Blickwinkeln aus konkret & lösungsorientiert gemeinsam zu beleuchten, und dabei unsere Transition-Erfahrungen mit einfließen zu lassen.

Prof. Dr. Karin Zachmann
1. Pfadabhängigkeiten überwinden
Geschichte wiederholt sich nicht. Gleichwohl finden sich in der Vergangenheit Problemkonstellationen, die heutigen Problemlagen auf den ersten Blick sehr ähnlich sind und deren Analyse zwar keine Rezepte für die Lösung heutiger Probleme, wohl aber ein Bewusstsein dafür vermitteln kann, wie voraussetzungsvoll und weitreichend Entscheidungen sind, die wir in solchen einerseits durch ein hohes Maß an Nichtwissen und andererseits durch Pfadabhängigkeiten geprägten Situationen treffen. Als die Energiekrisen der 1970er Jahre der westlichen Welt ihre Verletzbarkeit durch die Abhängigkeit vom Erdöl vor Augen führten, kam das Projekt Energiewende zum ersten Mal auf die politische Agenda. Durchsetzen konnten sich damals aber nur Strategien, die Anpassungen im Rahmen des fossilen Energiesystems vollzogen, nicht aber Konzepte eines grundlegenden Energiesystemwechsels, wie er im Vorschlag von Lovins et al. zum „Soft Energy Path“ vorlag. Das sollte uns anregen, darüber nachzudenken, welche Pfadabhängigkeiten für die aktuelle Energiewende überwunden werden müssen und welche gesellschaftlichen Akteure diese Entwicklungen vorantreiben können.

2. Neues Verhältnis zu den Alltagsdingen
Menschen stellen als Nutzer von Dingen im beruflichen und privaten Alltagsleben Bindungen zu den Dingen her, indem sie die Dinge im Aneignungsprozess (um)gestalten und Kompetenzen zur Reparatur kaputter Dinge entwickeln. (Verbeek 2005) Diese Bindungen implizieren eine Hinwendung zu den Alltagsobjekten, die nicht nur auf die Funktion oder auf die kulturelle Bedeutung der Dinge gerichtet ist, sondern die das Bewusstsein für das komplexe Zusammenleben der Menschen mit den Dingen aktiviert. Das aber ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Konkurrenz der Menschen mit den Dingen um immer knapper werdende Ressourcen (Csikszentmihalyi 1993) abgelöst wird durch eine am Leitbild der Nachhaltigkeit orientierte Interaktion der Menschen mit den Objekten.
Verbeek, Peter-Paul (2005): What Things Do. Philosophical Reflections on Technology, Agency, and Design, Pennsylvania State UP, University Park.
Csikszentmihalyi, Mihaly (1993): Why We Need Things, in: Steven Lubar, W. David Kingery (Hg.), History from Things. Essays on Material Culture, Smithsonian Institution Press, Washington D.C. 1993, 21-38.

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