1. Neue Leitbilder und neue Diskurse

1. Arbeitsgruppe - Neue Leitbilder und neue Diskurse

Teilnehmer
Dr. Martin Birke, Andreas Kirsche, Prof. Dr. Reinhard Pfriem, Martin Stankowski

Paten
Stephanie Birkner, Hedda Schattke

1. Neues Leitbild für die Nachhaltigkeitsdiskussion notwendig?

  • mindestens in Form + Gestalt des Diskurses: im Vergleich zu bisherigem Klima- und Nachhaltigkeitsdiskurs andere, neue (?) Geschichten erzählen, nicht nur als Thema der Werbung, sondern als neue Form. Wie geht das bzw. wie sieht das genau aus
  • nicht nur Botschaften zum WAS, auch zum WIE; deshalb auch Botschaften zu Akteurseigenschaften nötig:
    „Responsivität“ als „Dreiklang“ von Verantwortung/ Achtsamkeit, Reflexivität und Handlungsbefähigung/Kapazität;
  • Botschaften zum WAS sollten Klimawandel und Nachhaltigkeit neu fassen: Resilienz als tragfähiges
    Generalprogramm?

2. Fokus des Leitbildes: Transformation vs. „Big Bang“

3. Wie kann man flexibel, trotz der Wirtschaftszwänge, responsive Praktiken ausüben, auch global betrachtet?

  • Prozess, der immer wieder neu gedacht werden muss und abläuft
  • Populismusdiskurse; Ereignis- und Strukturgeschichte und Entwicklungen
  • Bilder von Improvisationen, wie sehen sie aus? Wie reagiert man immer wieder darauf?

4. Gibt es ein Multileitbild für eine Gesellschaft? Oder muss man mit einer Koexistenz leben?

Ausgangsfragen - Philosophie - Konkretisierungen -Rahmenbedingungen - Ergebnisverdichtung - Ideenpool

Was ist und braucht ein Leitbild?
„Für ein Leitbild braucht man ein Problem.
Den Mut es zu erkennen.
Den Willen es zu lösen.
Die Kraft, ein Ziel zu beschreiben.
Die Verpflichtung, es zu erfüllen.
Das leitet zu einem Ziel, einer Vision,
die so klar ist, dass man sie verstehen kann. …
Die Grundbestandteile von Leitbildern - Idee und Vision,
Organisation und Motivation - sind so zu mixen, dass es schmeckt.“

„Leitbilder sind keine Visionen einer besseren Welt. …Sie sollen aus
einem Problem eine konkrete Möglichkeit machen. .. Sie sind ein
klares Versprechen, aus Chancen Tatsachen zu machen.“

Quelle: brandeins 6/2004, S. 54 ff.

Ausgangsfragen

Brauchen wir Leitbilder?

Ja, aber zielführendere!!
Es existieren de facto Leitbilder, die in und auf die Alltagswelt wirken.
Der kulturelle Raum ist überflutet von („schlechten“) Leitbildern und Marken.

Zudem ist zu fragen:
- Woher kommt die Sehnsucht nach Leitbildern?
- Wieviele Umsetzungsvorstellungen stecken in Leitbildern?
- Was wird bei Leitbildern vom Einzelnen mitgedacht? (Wahrnehmungs- und Handlungskontexte)
- Wo setzen Leitbilder an? (Verlernen von alten LB vs. Entwickeln von neuen LB)

→ Warum ist es so schwer, wofür „wir“ alle sind, als Leitbild in Worte/Bilder/Begriffe
zu fassen?

Philosphie

Abgrenzung Leitbilder/Diskurse von individuellen/kollektiven Praktiken

Leitbild → Vision + Programm
Foki: Was? Wie? Wer/ Für wen?

Transportmittel: Bilder, Geschichten, Slogans
z.B. Arche Noah, Allmende, „Blauer Himmel über der Ruhr“

Leitbilder entwickeln sich im Prozeß und bestätigen ihre „Güte“ erst im Nachhinein!!

Konkretisierung

Aufgaben eines Leitbildes:
- Orientierung
- Mobilisierung

Qualitätskriterien von Leitbildern:
- Keine moralischen Appelle
- Polarisierende Wirkung/ Differenzierungsfunktion im Kollektiv
- „utopischer Rest“
- Aufmerksamkeitsstark
- Glaubwürdig
- Handlungsbefähigend

Mögliches Vorgehen:
- paradoxe Intervention, z.B.
- Lokales Leitbild für eine hässliche Stadt (Köln): „Liebe deine Stadt“
- Friedensbewegung: „Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin“
- Werbung: „Geiz ist geil“

Rahmenbedingungen

Ausgangspunkt der Leitbildentstehung:
Wir lehnen es ab, ein Leitbild auf Grundlage eines negativen Zukunftszenarios zu formulieren! ( → z.B.: Arche Noah/ Big Bang, „1984“)

Wir sind dafür, dass das richtige Verständnis von Nachhaltigkeit weiter aktiv diskutiert wird!
Leitbilder hierfür sind sektoral-spezifisch zu entwickeln und zu verbreiten.
Wo bleibt das Gesellschaftsübergreifende? → „Yes, we can!“

Zu bedenken ist
- Kollektiv
- Parallele Existenz von mehreren Leitbildern
- Grund: Heterogenität der Akteure/ partikuläre Interessen/ divergente Sprachen bedingt durch eigene Bezugspunkte (Wissenschaft, Praxis, kultureller Raum,…)
- Individuell:
- Negativer vs. positiver Kontext eines Leitbildes

Ergebnisverdichtung

Es bedarf…
… vieler Leitbilder.
… paradoxer Intervention, die 1. Aufmerksamkeit weckt, 2. zum Handeln anregt und 3.
zugleich der Heterogenität der Akteure gerecht wird.
… des Rückgriffs auf Literatur, Musik, Kunst als hilfreiche Kanäle bei der Entwicklung und Vermittlung von Leitbildern.
… der Schaffung von Win-Win-Situationen.
… eines Haushaltens mit unserer einen Welt (und deren Ressourcen).
… der Beachtung der „hellen und dunkeln Seite“, gleichberechtigt.
… Vorbilder und/oder Mentoren als personifizierte Leitbilder (z.B. Mandela).
… Stützpfeilern für die Stärkung von Leitbildern (z.B. Gütesiegel).
… sektoraler Foki von Leitbildern für Nachhaltigkeit.

Konkretisierungsbeispiele:
Umlernen: z.B. „Öko-Debatte“ → Teleologisch, Harmonie „schöne heile Landwelt“
Neu-Lernen: z.B. Regionalität, selbstorganisierte Prozesse, nur selber (nicht von extern) intervenieren

Ideenpool

Verbreitung von Leitbilder mittels

1. Aufkleberbotschaften
„Stell dir vor die Erde geht unter und keiner merkt’s”
„Ich muss nur noch kurz das Klima retten…“

2. Solidarisierungs-Shirts
„Klimaretter“
„Nachhaltigkeitsheld“


NH² = Nachhaltigkeitsheld

Botschaften

Ein Leitbild für den Klimaschutz lässt sich nicht in Marketingabteilungen oder Agenturen „designen“.

Erfolgreiche gesellschaftliche Leitbilder, wie etwa die „Gewaltfreie Erziehung“ oder „Corporate Citizenship“, sind über viele Jahre hinweg aus der Arbeit von vielen verschiedenen Akteuren heraus entstanden.

Leitbilder aus der Retorte („Du bist Deutschland“) dagegen sind eindrucksvoll gescheitert.

Unternehmen müssen daher zum glaubwürdigen Partner und Mitgestalter von gesellschaftlichen Anliegen, wie dem Klimaschutz, werden. Sie brauchen einen langen Atem. Und sie müssen sich im Sinne von gelebter Kundenorientierung auf die tieferen Bedürfnisse ihrer Kunden und der Gesellschaft tatsächlich einlassen und diese im Rahmen ihrer besten Möglichkeiten langfristig unterstützen.

Dazu bedarf es nicht nur einer neuen Ehrlichkeit („sustainability tough talk“), sondern auch eines Auslotens und Nutzens aller möglichen ökonomischen, technischen und unternehmensstrategischen Gestaltungsspielräume.

Es bedarf einer kritischen Auseinandersetzung mit der notwendigen Selbsterkenntnis, dass
(1) die Entwicklung für ein klimafreundliches (nachhaltiges) Wirtschaften nicht von „Fremden“ für den jeweiligen individuellen/kollektiven Akteur übernommen werden kann – in Eigenverantwortung und im ehrlichen Dialog mit direkten Stakeholdern und anderen gesellschaftlichen Akteuren;
(2) die Verbreitung derartiger Leitbilder nicht geplant/gesteuert werden kann. Vielmehr ist ein kultureller Umbruch in der Gesellschaft von Nöten.

Statt dessen ist ein ernsthaftes Interesse notwendig, das sich den „Sehnsüchten“ klimafreundlichen Wirtschaftens stellt, in denen im Sinne des Corporate Foresight kulturelle Trends als Zukunftsszenarien Berücksichtigung finden.

Dieses ernsthafte Interesse findet seinen Ursprung in der Erkenntnis, dass die eigene Zukunftsfähigkeit abhängig ist von der Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft. Ein neues, Nachhaltigkeit und Klimawandel umfassendes Leitbild ist erfolgreich nur entlang der sektoralen Spezifika der Akteure und durch sie in wohlverstandener Selbstverantwortung zu erfinden und realisieren.